„Die Kinder können sich ihren Themen voll und ganz widmen“

Kinder sind aktiv, deshalb sollte Schule auch aktiv gestaltet sein. Viele Schulen setzen das in einzelnen Bereichen im Unterricht um. Doch das reicht den Gründern der „Aktiven Schule Dresden“ nicht. Sie zielen auf ein umfassendes Konzept ab. Im August startet der Unterricht. Hallo Dresden hat Reimar Unger, Mitglied der Gründungsinitiative, gefragt.

Hallo Dresden: Was ist so „aktiv“ an Eurer Idee von Schule?
Reimar Unger: „Aktiv“ bedeutet für uns, dass die Kinder ihren Lernprozess selbstbestimmt gestalten. Wir als Schule bieten den Ort und die Begleitung. Die Inhalte und wie sie sich diese erschließen, bestimmen die Kinder selbst.

Hallo Dresden: Wer selbstbestimmt lernen darf, darf demnach selbst bestimmen, was er lernt?
Reimar Unger: Natürlich. Nachhaltiges Lernen funktioniert in unseren Augen am besten, wenn es aus einem inneren Antrieb heraus stattfindet. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass ich Lerninhalte, die mich nicht interessierten, innerhalb kürzester Zeit wieder vergessen hatte. Wissen zu Themen, die mich interessiert haben, behalte ich deutlich länger. Aber das Wichtigste für mich ist die Frage, wie ich mir neues Wissen erschließe. Wenn ich das einmal verstanden habe, ist es deutlich einfacher, sich in neue Themen einzuarbeiten. Wir möchten, dass die Kinder sich – neben dem reinen Faktenwissen – diese Kompetenzen erarbeiten und dadurch ihre Handlungsfähigkeit erweitern. Die Orientierung am Ziel der Handlungsfähigkeit der Heranwachsenden beinhaltet auch die Aneignung der Inhalte des Lehrplanes, geht jedoch über diesen hinaus. In ihrem eigenen Prozess lernen Kinder und Jugendliche, sich selbst Ziele zu setzen und im sozialen Miteinander nach Wegen und Methoden zu suchen, diese zu erreichen.

Hallo Dresden: Das sind die Lerninhalte und -methoden. Wie ist es mit dem Tagesablauf. Wahrscheinlich beginnt die Schule morgens und endet nachmittags?! Und in welchem Rahmen bewegen sich die Kinder, Pädagogen und Eltern in der Zwischenzeit?
Reimar Unger: Richtig, die Schule startet morgens und schließt nachmittags. Einen groben Rahmen bilden die Mahlzeiten, aber ansonsten können sich die Kinder ihren Themen voll und ganz widmen. Dies können die Kinder verwirklichen, indem sie unter anderem Projekte, Kurse oder Exkursionen organisieren. Wie sich der Tagesablauf gestaltet, also wann welche Kurse stattfinden und welche Projekte durchgeführt werden, wird in der Schulversammlung, welche das zentrale Entscheidungs- und Gestaltungsgremium der Schule sein wird, besprochen und kann dadurch dem aktuellen Bedarf angepasst werden. In der Schulversammlung wird vom Kauf des Fußballs, über Regeln bis hin zur Einstellung von neuen Pädagogen entschieden. Das heißt alles, was den Alltag der Schule betrifft. Die Entscheidungen werden im Konsens getroffen, dabei haben Kinder und Erwachsene das gleiche Stimmrecht.

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Für Gründungsmitglied Reimar Unger bietet die Aktive Schule Dresden jenen Kindern einen optimalen Rahmen, die ihrem eigenen Plan folgend lernen wollen.

 

Hallo Dresden: Welche Aufgaben kommen dabei auf die Lehrer und Eltern zu?
Reimar Unger: Die Pädagogen vertrauen auf die Fähigkeiten und den eigenen Weg, den Kinder und Jugendliche mit ihren Fähigkeiten, ihrer Neugierde und Begeisterung gehen und dass sie daraus eigene Rückschlüsse, Denk- und Handlungsimpulse erwachsen lassen. Sie begleiten die jungen Menschen auf deren Weg durch ihre Schullaufbahn an der Aktiven Schule. Ihre Aufgabe ist es, den Kindern durch die Schaffung einer wertschätzenden und lösungsorientierten Kultur in ihrem Entwicklungsprozess zur Seite zu stehen, damit die Kinder herausfinden können, wie sie ihre Ziele erreichen können. Außerdem sorgen die Pädagogen für einen sicheren Ort, in dem die Kinder sich ohne Angst bewegen können. Hierfür sind der Verzicht auf Strafen und die beharrliche Einhaltung von, in der Schulversammlung beschlossenen, Regeln essentiell. Die Aufgabe der Eltern besteht darin, dem Lernprozess ihrer Kinder Vertrauen zu schenken, an diesem Anteil zu nehmen und somit zu unterstützen.

Hallo Dresden: Wie setzt sich das Schulteam zusammen?
Reimar Unger: Der Kern des Schulteams besteht aus Lehrern und Lehrerinnen, Erziehern und Erzieherinnen sowie Sozialpädagogen und -pädagoginnen. Darüber hinaus haben sich schon erste Interessierte bei uns gemeldet, die gern ihr Ausbildungspraktikum oder ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei uns machen wollen. Zusätzlich können sich die Kinder für ihre Projekte auch Fachleute aus anderen Disziplinen einladen, um gemeinsam ein Thema zu bearbeiten. Gerade das halten wir für besonders wertvoll, da die Kinder von Menschen lernen können, die sich mit einem Thema besonders gut auskennen beziehungsweise ihr Handwerk beherrschen.

Hallo Dresden: Eine Schulgründung ist enorm kostenintensiv. Für alle, die so gar keine Vorstellung haben: Was war an Kapital nötig, um dieses Jahr mit dem Unterricht starten zu können?
Reimar Unger: Das benötigte Kapital ergibt sich aus verschiedenen Komponenten: Da in Dresden im Prinzip keine Schulgebäude mehr verfügbar sind, mussten wir unseren jetzigen Schulstandort erst umbauen. Neben den Genehmigungskosten für die Schule, fielen hier also noch Baukosten für Architektenleistungen, Brandschutz, Lärmschutz, Unfallschutz, Fachgewerke und Material für Umbauten in Eigenleistung an. Ohne den unermüdlichen Einsatz von Eltern und Mitgliedern der Gründungsinitiative hätten wir unseren Kostenrahmen von 100.000 Euro aber nicht halten können.

Hallo Dresden: Mit wie vielen Kindern startet Ihr ins Schuljahr 2016/2017?
Reimar Unger: Wir planen aktuell, mit rund 40 Kindern zu starten. Davon 25 Grundschulkinder und 15 Mittelschülern aller Altersstufen bis zum 7. Schuljahr.

Hallo Dresden: Und was ist geplant: Eine eher kleine Gruppe bleiben oder zu einer mehrzügigen Einrichtung anwachsen?
Reimar Unger: Wir planen, in den folgenden Schuljahren jeweils etwa 20 Kinder aufzunehmen und somit am Ende auf insgesamt maximal 200 Schüler für die Grund- und Mittelschule zu kommen.

Hallo Dresden: Woher soll das Geld für den weiteren Schulbetrieb kommen?
Reimar Unger: Als genehmigte Schule in freier Trägerschaft hat man in Sachsen einen Anspruch auf einen Zuschuss. Dieser liegt jedoch deutlich unter dem Finanzrahmen, der Schulen in öffentlicher Trägerschaft zu Verfügung steht. Die verbleibende Lücke für den laufenden Schulbetrieb von rund 120 Euro je Schüler und Monat müssen die Eltern durch Schulgeld finanzieren. Für die Zeit der dreijährigen Wartefrist, in der nur ein geringer Teil der Zuschüsse gezahlt werden, müssen wir einen Kredit aufnehmen. Insbesondere für diese Zeit freuen wir uns auch über weitere finanzielle Unterstützung in Form von Spenden oder privaten Darlehen, damit wir den Kindern von Anfang an eine reichhaltige Umgebung anbieten können, aus welcher sie schöpfen können. Für größere Projekte werden wir auch später auf Spenden, Fördermittel und Fundraising zurückgreifen müssen.

Hallo Dresden: Für die Jungen und Mädchen steht früher oder später ein Abschluss oder ein Schulwechsel an. Wie bereitet Ihr die Kinder darauf vor?
Reimar Unger: Die Jungen und Mädchen können sich bei uns auf einen Schulabschluss vorbereiten. Als genehmigte Schule dürfen wir jedoch selbst keine Abschlussprüfungen abnehmen. Hier sieht der Gesetzgeber eine sogenannte Schulfremdenprüfung vor. Das heißt, die Schülerinnen und Schüler können an einer externen Prüfung die notwendigen Prüfungsleistungen für einen Schulabschluss erbringen.

Hallo Dresden: Der erste Schultag ist schon beinahe greifbar: Wird es Schultüten geben?
Reimar Unger: Ja, es wird sicherlich Schultüten geben, aber ich denke, das kann jede Familie für sich entscheiden wie sie mit dem Schulkind die Einschulung feiert.

Hallo Dresden: Und womit sollten die an der „Aktiven Schule“ am besten gefüllt sein?
Reimar Unger: Also, ich kann mir vorstellen, dass in vielen Tüten Süßigkeiten, Snacks und Obst sowie Materialien zu finden sein werden. Im übertragenen Sinn möchte man dem Kind etwas Gutes mit auf den Weg geben und hier sehe ich die Wünsche, dass die Kinder mit viel Neugier aber auch dem Mut zu uns kommen, diesen neuen Lebensabschnitt für sich aktiv zu gestalten.

 


Kontakt:
Aktive Schule Dresden
Leipziger Straße 33
01097 Dresden
kontakt@aktive-schule-dresden.de
www.aktive-schule-dresden.de

Foto: Reimar Unger/privat

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