„Wir brauchen Lernräume, die flexibel gestaltet werden können und wo individuelles Lernen umsetzbar ist“

Dresdens Schulen platzen aus allen Nähten. Die Stadt schafft es nicht, diesen hohen Bedarf an Schulplätzen zu decken. Die Chancen für private Bildungsträger stehen gut, sich mit speziellen Lehr- und Lernformen zu etablieren. So auch die SRH Oberschule, die ihren Schülern „selbstorganisiertes Lernen“ bietet. Bisher in kleinem Rahmen in Leuben – bald umfangreich in Lockwitz. Für die Schulleiterin Simone Günther und den Geschäftsbereichsleiter Marcus von Oppen sind das aufregende Zeiten.

Hallo Dresden: Die SRH Oberschule hat ihr erstes Schuljahr beinahe hinter sich: Dein Fazit als Schulleiterin und Lehrerin?
Simone Günther: Es ist ein immer noch spannendes erstes Schuljahr mit vielen neuen Erfahrungen für alle Beteiligten. Selbstorganisiertes Lernen erfordert eine große Portion Kraft zu Beginn, vor allem für Schüler, die in der Regelschule wenig Freiraum kennengelernt haben. Heraklit sagte: „Es gibt nichts Dauerhaftes außer der Veränderung“. Das ist für uns gelebte Realität.

Hallo Dresden: Nach den Sommerferien 2017 gibt es wieder neue Lernräume zu füllen. Wie bereitet Ihr Euch im Kollegium darauf vor?
Simone Günther: Wir haben viele Gespräche mit Kindern und deren Eltern für das kommende Jahr geführt. Wir suchen noch immer motivierte, neugierige Lehrer, die Lust auf die Verwirklichung dieses Schulprojektes haben. Wir werden kritisch prüfen, was uns dieses Jahr gelungen ist und was im Vordergrund für das nächste Jahr stehen muss.

Hallo Dresden: Schulstart Spätsommer 2017: Ist das baulich zu schaffen?
Marcus von Oppen: Ja. Stand heute (Frühjahr 2016) gehe ich davon aus, dass wir pünktlich fertig werden und vielleicht beim Einräumen und Umziehen nicht in große Zeitnot geraten. Allerdings stehen wir am Anfang der Sanierungs- und Umbauarbeiten am Bestandsgebäude in Lockwitz und da kann im Hinblick auf die alte Bausubstanz einiges passieren.

Hallo Dresden: Das Schulgebäude in Lockwitz ist sanierungsbedürftig, seit beinahe zehn Jahren steht es leer: Was ist zu tun?
Marcus von Oppen: Alles! Das Gebäude steht nicht nur seit vielen Jahren leer, es wurde auch von allen Medien getrennt. Das heißt: keine Heizung, kein Wasser kein Strom. Ein über Jahre nicht beheiztes Haus zieht natürlich Feuchtigkeit an, was für die Bausubstanz sehr schlecht ist. Dazu kommt, dass im Gebäude kräftig randaliert wurde. Wir beginnen mit einer kompletten Entkernung des Gebäudes sowie dem Abriss zweier Anbauten aus den 1930er- sowie 1970er-Jahren. Anschließend wird das Gebäude im Kellerbereich abgedichtet, das Dach neu gedeckt, neue Fenster eingebaut und komplett ausgebaut. Um eine Baugenehmigung und später auch eine Betriebserlaubnis zu erhalten, müssen Flucht- und Rettungswege an die heutigen Vorschriften angepasst werden, deshalb werden wir bereits im ersten Bauabschnitt den Verbindungsbau zum künftigen Neubau mit errichten.

Hallo Dresden: Und mit Blick auf die Anforderungen an eine zeitgemäße Oberschule…?
Marcus von Oppen: …werden wir insbesondere im Zusammenspiel mit dem Neubau – ein Anbau am alten Baukörper – der Gestaltung des Außengeländes und der Ausstattung entsprechen. Der Neubau wird im Untergeschoss eine moderne Sporthalle erhalten, die Lernräume werden hell und abwechslungsreich angeordnet sein. Die Gestaltung der Außenanlagen greift die Geländestruktur auf und sorgt für eine barrierefreie Verbindung zu den Gebäudeteilen. Die Ausstattung der Lern- und Fachräume entspricht dem heutigen Stand und konzeptionellen Anforderungen.

Hallo Dresden: Offene Architektur mit großen Räumen, weiten Sichtachsen und schlichter Gestaltung; Gleichzeitig gibt es Rückzugsecken, die fast schon kuschelig wirken: Ist das Raumkonzept der Montessori Grundschule am bisherigen Lernort auf der Pirnaer Landstraße eines, das auch an der Oberschule umgesetzt werden wird?
Simone Günther: Wir brauchen für die Umsetzung des Konzeptes nicht nur Lernräume, wie sie in der Regel in den öffentlichen Schulen zu finden sind, sondern Räumlichkeiten, die flexibel gestaltet werden können und wo individuelles Lernen umsetzbar ist. Insofern werden wir die Erfahrungen aus der Grundschule bei der Planung der neuen Schule mit einbeziehen.
Marcus von Oppen: Die beiden Schulstandorte sind hinsichtlich ihrer räumlichen Gestaltungsmöglichkeit sehr unterschiedlich. Im Grundschulgebäude waren wir bei der Gestaltung und Raumanordnung völlig frei, da es ein reiner Neubau ist. In Lockwitz gibt es einen historischen Baukörper, der mittlerweile 110 Jahre alt ist und die Raumstruktur weitgehend vorgibt. Der Neubau ist eine gute Ergänzung, der einerseits lockerer strukturiert ist, andererseits wichtige Gebäudeelemente, wie zum Beispiel die Geschosshöhen, vom Bestandsgebäude übernimmt.

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Lernen mit allen Sinnen und in allen Bereichen: Die Kinderküche ist ebenso ein Lernort wie es die Klassenräume, die Sporthalle, der Garten oder das Landheim sind.

 

Hallo Dresden: „Selbstorganisiertes Lernen“ lautet das Leitmotiv der Oberschule. Eine Schule also, die keine Lehrer braucht?
Simone Günther: In die Zukunft geschaut, brauchen wir so viel Lehrer wie nötig. Die Rahmenvorgaben setzt uns diesbezüglich die Sächsische Bildungsagentur. Für Heranwachsende ist die Unterstützung durch Erwachsene immer wichtig. Ob das immer Lehrer sein müssen, wage ich zu bezweifeln.

Hallo Dresden: Für welche Kinder ist das Konzept ausgelegt?
Simone Günther: Für Kinder, die sich ihre Neugier bewahrt haben, die eigene Wege finden möchten, die auch eigene Anstrengungen nicht scheuen, die Miteinander ihre Zukunft gestalten wollen,…

Hallo Dresden: Die SRH Montessori-Grundschule hat regen Zulauf. Denn die Nachfrage nach „alternativen Lehr-/Lernansätzen“ in Dresden ist groß. Das gilt auch für weiterführende Schulen. Warum wird die Oberschule nicht zur „Montessori-Schule“?
Simone Günther: Wir haben nach einer Konzeptgrundlage gesucht, die die Montessoripädagogik einschließt, eine zukunftsträchtige Erweiterung darstellt und die eine noch offenere Gestaltung ermöglicht.

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Gib mir Musik! – Musikinstrumente gehören zur umfassenden Bildung dazu.

 

Hallo Dresden: Wir sprechen die ganze Zeit eher über die Rahmenbedingungen. Was aber macht den pädagogischen Ansatz konkret aus?
Simone Günther: Unser Gehirn lernt immer selbstorganisiert. Das wissen wir heute durch die Forschungen aus der Neurobiologie, Psychologie und so weiter. Diesem Lernen liegen Prinzipien zu Grunde, z. B. der Wunsch des Eingebundenseins in eine Gemeinschaft. Lernen kann nicht synchronisiert werden, weil wir verschieden sind. Das heißt, es geht nicht nur um Stoffvermittlung, sondern um Perspektivverschränkung. Wenn es gelingt, sich als selbstwirksam zu erleben, erleben wir Lernen als positiv und wir können erfolgreicher sein.

Hallo Dresden: Was lässt sich mit dem Konzept „selbstorganisierten Lernens“ umsetzen, dass an anderen Schulen häufig nicht möglich ist?
Simone Günther: Entscheidend ist der grundlegende andere Ansatz der Pädagogen im Umgang mit den Lernenden, der auf dem Konstruktivismus basiert…

Hallo Dresden: Ach du meine Güte, das klingt kompliziert…
Simone Günther: Ist es gar nicht: Wenn Schüler die Möglichkeit bekommen sollen, ihr Wissen selbst zu konstruieren und nicht nur zu konditionieren, müssen andere Rahmenbedingungen entwickelt werden. Das ist in kleineren Teams viel einfacher möglich als in den meist sehr großen öffentlichen Schulen. Die Pädagogen müssen zum Beispiel die Möglichkeit haben, enger zusammenzuarbeiten und das nicht nur in den Projektwochen.

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Gemeinsam an Themen arbeiten, an Orten, die Ruhe und Konzentration fördern.

 

Hallo Dresden: Wie sieht ein Tag oder eine Woche für einen Schüler an der SRH Oberschule bisher aus?
Simone Günther: Ich möchte hier nur zu einigen Formaten etwas ausführen: Der Tagesbeginn findet mit 30 Minuten Morgenkreis statt, der thematisch geplant ist. Jeden Donnerstag tauschen sich die Schüler beispielsweise zu aktuellen Themen aus, die sie außerhalb der Schule erleben. Der Fachunterricht findet in Doppelblöcken statt, in dem der gelenkte Teil nur einen geringen Umfang hat. Die Schüler haben die Möglichkeiten, Aufgaben innerhalb eines vorgegebenen Rahmens selbst zu wählen und auch mit anderen zusammenzuarbeiten. Außerdem gibt es von Montag bis Donnerstag je 45 Minuten Lernbürozeit, in der jeder ganz für sich allein lernt.

Hallo Dresden: Und mit dem Umzug an den neuen Standort: Was wird sich für die Schüler ändern?
Simone Günther: Es wird sich sicher sehr viel ändern und einiges wird uns sicher in den nächsten Monaten immer mehr bewusst werden. Neu wird sein, dass die Oberschüler eine Schule „nur für sich“ haben werden, die sie auch selbst gestalten können und sollen. Die Nähe zu den kirchlichen Trägern in Leuben wird entfallen und andere Möglichkeiten eröffnen zum Beispiel das Beleben des Stadtteils Dresden-Lockwitz durch die Schüler.

Hallo Dresden: Gibt es eine Wunschliste der Schüler, Lehrer oder Eltern, woran in der neuen Schule unbedingt gedacht werden sollte?
Marcus von Oppen: Der Weg von unserer Bewerbung um das Grundstück bis zum Vertragsabschluss, und somit Sicherheit für unsere Planungen, war rund 12 Monate länger als vorgesehen. Ich wünsche mir – und da bin ich sicher nicht alleine –, dass der weitere Weg bis zum geplanten Bezug des Bestandsgebäudes im Sommer 2017 ohne weitere Verzögerungen verläuft.
Simone Günther: Wir wünschen uns derzeit vor allem, dass wir neugierige Schüler und aktive, engagierte Pädagogen finden können, dass der Bau erfolgreich vorangeht und dass schon im kommenden Schuljahr ein Netzwerk mit vielen Engagierten entsteht, das alle voranbringt und das Lernen etwas anders möglich werden lässt.

 


SRH Oberschule Dresden im Überblick
• Anschrift (ab Schuljahr 2017/2018): SRH Oberschule, Urnenstraße 22, 01257 Dresden
• Schülerzahlen: momentan eine 5. Klasse, im Endausbau eine zweizügige Oberschule und ein berufliches Gymnasium (11.-13. Klasse), 350-400 Schüler
• Lehrer: ca. 30 Pädagoginnen und Pädagogen
• Schulkonzept/Betreuungszeiten: teilgebundene Ganztagesschule 08:00-16:30 Uhr
• Lernräume: Lernräume für alle Klassen, Fachkabinette, Schulclub, Schülerküche/Hauswirtschaftsbereich, Aula/Mensa u.a.; zeitgemäße und lernortorientierte Ausstattung (z. B. barrierefreie Zugänglichkeit, interaktive Medientechnik etc.)
• Größe Grundstück: ca. 7.600 m²
• Kosten Sanierung & Umbau: ca. 7,6 Mio. €
• Finanzierung: Eigenmittel des Trägers
• Bauverlauf: 1. Abschnitt: Teilabbruch, Sanierung Bestandsgebäude, Errichtung Verbindungsbau (April 2016-Mai 2017); 2. Abschnitt: Neubau/Anbau an Bestandsgebäude incl. Sporthalle (ca. März 2017-Mai 2018)


 

Kontakt:
SRH Oberschule Dresden
Pirnaer Landstraße 191
01257 Dresden
Tel.: 0351 20676140
schule@srh-oberschule.srh.de
http://www.srh-oberschule.de

Fotos: bbws/Thomas Girke (Kinder) & bbws/Tobias Ritz (Portraits)
Grafik: studio b1 Architekten

 

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3 Kommentare zu “„Wir brauchen Lernräume, die flexibel gestaltet werden können und wo individuelles Lernen umsetzbar ist“

  1. Hello,

    ich finde private Schulen optimal für unser veraltetes Schulsystem. Da ist wirklich mal etwas frischer Wind nötig.

    Ich habe mich in den letzten Tagen oft mit Schulen in Dresden auseinandergesetzt um diese in mein Projekt zu intigrieren.

    Gern nehme ich die SRH Oberschule mit auf. Mein Projekt ist unter http://dresden.city-guide.info/wissen-und-bildung-in-dresden/ (was Bildungseinrichtungen betrifft) zu finden. Es ist erst wenige Tage alt und soll Informationen über Dresden liefern.

    Ich denke, da passt eine Privatschule gut mit rein.

    MfG Gregor

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