„Wir sind ja heutzutage eine Do-It-Yourself-Gesellschaft“

Wir waren zu Gast in der Werkstatt von Klaus Flegel, Holzgestalter und Mitbegründer der „Holzhilfe“-Holzwerkstatt im Industriegebiet an der Königsbrücker Straße. Er sprach mit uns bei einem warmen Tee über sich selbst, was es mit dem Projekt auf sich hat und warum es für Dresden so einzigartig ist.

Hallo Dresden: Hallo Klaus, in groben Zügen: Was ist die „Holzhilfe“ und wie kam es zu dieser Idee?
Klaus Flegel: Im Großen und Ganzen sind wir die Firma Naturholzdesign, eine Gemeinschaftswerkstatt, die Möbel entwirft und herstellt. Die gibt es schon eine ganze Weile: Seit nun rund zweieinhalb Jahren bieten wir „Holzhilfe“ an; eine Idee, die schon seit Längerem in uns gereift ist. Wir dachten uns, dass heutzutage irgendwie ein Wertegefühl abhandengekommen ist, das wir wieder beleben wollen. Ich hoffe immer, den Leuten wieder ein Gefallen am Handwerk, ein Wertegefühl und einfach das positive Gefühl des Selbermachens nahe zu bringen. Vor der Holzhilfe-Zeit haben wir schon Kinderkurse für die Umweltschule in Dresden gegeben und ich war für die deutsche Kinder- und Jugendstiftung tätig. Diese Arbeit wollten wir vertiefen. Weil man so ein Projekt nicht alleine stemmen kann, kam damals der Stefan, einer meiner Kollegen, zu mir und meinte: ‚Ich find die Idee gut, wollen wir das nicht mal umsetzen?‘. So hat dann alles angefangen. Und nun geben wir – neben unseren Projekten als „Naturholzdesigner“ – nachmittags und abends Kurse in Holzbearbeitung.

Hallo Dresden: Du hast gerade erwähnt, dass Du das nicht alleine machst. Wie viele seid Ihr insgesamt?
Klaus Flegel: Also der harte Kern besteht aus der Maria, dem Stefan und mir. Die Maria ist Tischlerin und der Stefan ist Ingenieur. Dann haben wir noch zusätzlich die Mia und den Clemens, die auch mit uns Kurse zusammengeben.

Hallo Dresden: Ich finde, Ihr seid hier ja mit Eurer Werkstatt ziemlich weit außerhalb vom Zentrum Dresdens…
Klaus Flegel: Ja, das stimmt wohl. – Mich hat es vor sechs Jahren hierher verschlagen, weil ich aus einer anderen Gemeinschaftswerkstatt in Friedrichstadt auszugezogen bin und Platz ebenerdig wollte. Ich wollte mich in eine andere Richtung weiterentwickeln und eine Werkstatt mit großen Maschinen und nicht nur Handmaschinen haben. Da war das damals eine preiswerte Geschichte mich hier einzumieten und weil ich in der Nähe wohne, auch kein großer Umweg. Vorher, im Wohngebiet der Friedrichstadt, war abends um acht Uhr Ruhe angesagt: Die Großen Maschinen waren einfach zu laut. Hier im Industriegebiet kann man da auch am Sonntag als Selbstständiger durcharbeiten.

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An die großen Maschinen dürfen nur die Experten: Klaus Flegel steht jedoch jedem Kursteilnehmer zur Seite und sorgt für bestes Augangsmaterial.

 

Hallo Dresden: Apropos selbstständig: Bist Du auch Tischler oder Ingenieur?
Klaus Flegel: Ich bin gelernter Holzgestalter und mache das mittlerweile seit zwölf Jahren. Gleichzeitig ist es auch das zwölfte Jahr Selbstständigkeit. Davor kam eine Ausbildung zum staatlich geprüften Assistenten für Wirtschaftsinformatik.

Hallo Dresden: Mit Wirtschaftsinformatik hat die „Holzhilfe“ ja nicht mehr viel zu tun. Wie kam es zu dieser großen Richtungsänderung? Hatte es vorher keinen Spaß gemacht?
Klaus Flegel: Doch, es machte Spaß und es ist sicherlich ein Beruf mit dem man Geld verdienen kann. Aber dort ist es so, ich sitze im Büro und sehe draußen die Sonne aufgehen und es wird dunkel und ich sitze immer noch im Büro. Dagegen ist das Handwerk einfach… Man hat eben wirklich etwas in der Hand. Wenn man den ganzen Tag programmiert oder zusammengerechnet hat, dann geht man meistens so leer wie man gekommen ist und es kommt nicht viel Neues dazu. Jedes Möbelstück, jedes Carport, alles was wir machen, ist jedes Mal anders. Es sind alles Einzelstücke. Von daher ist das einfach das Schönste, was man machen kann. Wir sind ein Verbund von Handwerkern, die Projekte umsetzen. Das ist einfach das Schöne daran, dass man die ganze Holzsparte bedient und nicht, wie in einer klassischen Tischlerei, in Serie ein Fenster nach dem anderen produziert.

Hallo Dresden: Wenn Du das schon zwölf Jahre machst, hattest Du ja sicherlich das ein oder andere größere Projekt. Auf welches Projekt bist du am meisten stolz?
Klaus Flegel: Das ist schwer zu sagen. Es gab viele finanziell, aber auch von der Erinnerung her, sehr große und vor allem schöne Projekte. Gerade eben baue ich ein Möbelstück, in Eiche mit viel Vollholzarbeit zusammen mit einem Kollegen. Das macht sehr viel Spaß. Ich habe mit dem Michael, der hier früher in der Werkstatt rund zwei Jahre mein Kollege war, einen Bauwagen für den Kindergarten gebaut. Das hat ein dreiviertel Jahr gedauert. Das war auch eine superschöne Arbeit, ein tolles Team, ein riesiges Erlebnis und man hat viele neue Leute kennengelernt.

Hallo Dresden: Wenn jemand jeden Tag mit Holz zu tun hat, gibt es doch bestimmt ein Lieblingsholz. Welches ist Deines?
Klaus Flegel: Auf jeden Fall Esche.

Hallo Dresden: Holz mit guter Qualität ist Euch ja wichtig, das höre ich heraus. Wie aber kommt Ihr an das Holz Eurer Wahl?
Klaus Flegel: Wir beziehen das Holz direkt aus dem Großhandel, vom Sägewerk und von verschiedenen anderen Stellen. Das Holz, das wir im Großhandel bekommen, ist mehr die A-Ware, wobei im Baumarkt meistens die B-Ware landet.

Hallo Dresden: Für mein eigenes Projekt brauche ich ja vielleicht gar nicht viel Holz, möchte aber gute Qualität. Kann ich das Holz auch von Euch bekommen?
Klaus Flegel: Klar, das geht! Sicher, wir können dem Baumarkt in vielen Dingen preislich nicht die Stirn bieten, aber wir bieten eine hohe, vom Fachmann ausgesuchte Qualität. Wir haben auch viel Holz auf Lager, und wenn jetzt jemand spezielle Sachen möchte, haben wir etwa eine Woche Lieferzeit.

Hallo Dresden: Was sind Deiner Meinung nach die fünf wichtigsten Handwerkzeuge zur Holzbearbeitung die jeder Mann und jede Frau zu Hause haben sollte?
Klaus Flegel: Auf jeden Fall scharfe Stechbeitel und den passenden Schleifstein dazu. Eine vernünftige Säge, egal, ob sie nun europäischer oder japanischer Bauart ist. Und vernünftiges Anreißwerkzeug, wie Bleistift und Lineal. Eine Hobelbank ist natürlich auch sehr sinnvoll. Aber dann kommen auch gleich schon wieder Hobel dazu…

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Selbermachen ist angesagt. Traditionelle Holzverbindungen sind ein idealer Einstieg in den Umgang mit Handwerkzeugen.

 

Hallo Dresden: Warum bietet Ihr Kurse und nicht einfach nur, wie man es gewohnt ist, die Dienstleistung an? Warum sagt Ihr nicht: ‚Ich repariere dir das jetzt einfach‘?
Klaus Flegel: Wir wollen den Leuten zeigen, dass sie sowas auch selber machen können. Wir sind ja heutzutage eine Do-It-Yourself-Gesellschaft. Man kann in Kursen töpfern lernen, man kann filzen lernen, aber so richtig Holzhandwerken ohne eine direkte Ausbildung zu durchlaufen, da sieht das Angebot schon dünn aus. Dadurch dass Maria, Stefan und ich schon selber Kurse gegeben haben, wollten wir das auch zusammen weiterführen. In anderen Städten ist das Ganze auch schon wesentlich länger vertreten. In Dresden sind wir aber die ersten.

Hallo Dresden: Neben Euren Kursen gibt es auch andere Möglichkeiten die Werkstatt und Euer Know-how zu nutzen…
Klaus Flegel: Ja, es gibt einmal die Möglichkeit, die Werkstatt zu mieten und alleine zu werken. Wenn man sich einmietet muss man halt nachweisen, dass man aus dem Tischlerhandwerk kommt, um die großen Maschinen nutzen zu können, weil das versicherungstechnisch erforderlich ist. Dann kannst du die Werkstatt auch mit uns zusammen mieten, dann sind wir dabei, planen und werken zusammen. Und schließlich haben wir am Mittwoch immer Offene Werkstatt von 17-21 Uhr mit sechs freien Werkbänken. Wir sind dadurch auf sechs Personen begrenzt, aber du bekommst eine Anleitung und die Maschinen gestellt und hast immer jemanden, der dir helfen kann. Das sind unsere drei preislich, sowie vom Niveau her, unterschiedlichen Arten, die du hier nutzen kannst.

Hallo Dresden: Wie erfahren Eure Kunden von Euch?
Klaus Flegel: An sich über die Internetseite oder den Newsletter, für den wir schon eine Großzahl von Anmeldungen haben. Ansonsten einfach nur durch Mundpropaganda: Durch die zwischenmenschliche Qualität, die wir bieten können, ist es vergleichbar mit einer Pflanze, die langsam wächst und größer wird.

Hallo Dresden: Jede Pflanze fängt ja mit einem Samen an. Wo habt Ihr Euren eingepflanzt?
Klaus Flegel: Wir haben anfangs noch sehr viele Zettel aufgehängt. Das allererste, was wir angeboten hatten, war ein Schlittenkurs. Es war erst mal zur Probe, um herauszufinden, ob es sich lohnt und wir das auch wirklich machen wollen. Wir hatten drei Termine angesetzt und alle drei Termine waren voll. Parallel gab es noch einen vierten Schlittenkurs mit neun oder zehn Männern, der aus Eigeninitiative eines Teilnehmers entstand. Das war einfach eine tolle Erfahrung und damit stand das dann einfach fest: ‚Jetzt machen wir das!‘. Es gab natürlich auch viele Enttäuschungen, die uns aber nicht entmutigten. Wir suchen einfach immer einen neuen Weg.

Hallo Dresden: Das heißt, Ihr greift die Ideen der Kunden direkt auf?!
Klaus Flegel: Auf jeden Fall! Die meisten kommen mit der Motivation ‚Ich will es selber bauen‘, wollen einfach nur Holz beziehen oder kommen mit einem Gutschein. Fast ein Viertel der Leute kommt durch Gutscheine. Es ist sehr erstaunlich. Auch wieder so ein Impuls von einem Kunden: Es fing damit an, dass uns vor ein paar Jahren jemand fragte, ob wir auch Gutscheine anbieten. Bis dahin hatten wir nicht darüber nachgedacht. Die Nachfrage wird mittlerweile immer größer. Daraus kann sich eine richtige Leidenschaft entwickeln: Wir haben Teilnehmer, die sind klassische „Wiederholungstäter“. Die nehmen einen Kurs mit, danach den nächsten und üben das als Hobby aus. Einer der Kunden, der immer mittwochs da war, meinte einmal: ‚Früher bin ich ins Fitnessstudio gegangen, jetzt gehe ich hierher, gebe genauso viel Geld aus, es macht richtig Spaß und ich nehme etwas Selbstgebautes mit nach Hause.‘

Hallo Dresden: Wie aber fange ich an, wen ich mit und bei Euch etwas bauen will?
Klaus Flegel: Die Möglichkeiten sind ganz umfassend. Man kann mit einer Skizze herkommen, aber man kann natürlich auch, da der Stefan Ingenieur ist, sich das Ganze professionell als Zeichnung geben lassen. Man kann natürlich auch ganz einfach, wie es früher gemacht wurde, mit Bleistift und Taschenrechner das Möbelstück durchrechnen und dann das nächste Möbelstück vielleicht schon Zuhause alleine herstellen. Wir wollen ja auch nicht, dass die Leute immer herkommen, wir wollen ihnen was mitgeben. Das Schöne ist, wenn die Leute selbstständig sind. Wenn sie den Aha-Effekt haben: ‚Das kann ich ja auch selber machen. Das ist ja gar nicht so schwer‘.

Hallo Dresden: Sind das auch die die Aha-Erlebnisse bei Euren Familien- und Kinderkursen?
Klaus Flegel: Ja, so ähnlich. Das Erfolgserlebnis ist dabei ganz wichtig. Sei es bei der Schatzkiste oder dem Wikingerstuhl: Alles wird per Hand, ohne Elektrowerkzeug, bearbeitet. Da kommen dann Kinder von 6 bis 13 Jahren und bauen sich das selber zusammen. Es wird viel geschwitzt und es geht hier niemand raus, der nicht fertig geworden ist.

 

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Ob Vogelhaus oder Kistentrommel, Schatzkiste oder Wikingerstuhl – wer zur Holzhilfe kommt, wird auf Wunsch rundum betreut und kann von Anfang bis Ende an seinen Unikaten arbeiten.

 

Hallo Dresden: Warum schon mit sechs Jahren?
Klaus Flegel: Das liegt daran, dass wir selber Kinder haben und wir sehen, wie die sich schon selbstständig in der Werkstatt beschäftigen. Kinder sind sehr kreativ und wollen einfach nur losgelassen werden. Bei den Familienkursen bin ich jemand, der sagt: ‚Lass mal das Kind machen‘ und die Eltern gehen dann auch gerne einen Schritt zurück. Es ist einfach toll, zu sehen, wie das Kind so hochmotiviert loslegt! Die meisten sind dann hinterher glücklich, weil sie etwas mitnehmen dürfen, das sie selbst gemacht haben. Ich sehe, immer wenn die Eltern ein Stück Abstand nehmen, treten viele Fähigkeiten zutage. Bei Holz ist es das Schöne, dass man Fehler machen und trotzdem weiterarbeiten kann.

Hallo Dresden: Gibt es auch bei den Kindern „Wiederholungstäter“, die Lust auf mehr haben?
Klaus Flegel: Ja, wir betreuen zum Beispiel die Natur- und Umweltschule und da gibt es Kinder, die immer wieder kommen. Viele werden schnell eigenständig, gehen dann an unsere Holzkiste, sammeln sich Sachen heraus und legen einfach los. Dabei lernen die Kinder Sachen, die sie Zuhause vielleicht gar nicht mehr mitbekommen. Es wird leider immer weniger gewerkelt und getüftelt. Daran wollen wir was ändern!

Hallo Dresden: Wo seht Ihr Euch mit Eurem Projekt in zehn Jahren? Habt Ihr Zukunftspläne? Wollt Ihr vielleicht expandieren?
Klaus Flegel: Wir wollen an sich nicht großartig expandieren. Die Atmosphäre bedingt, diese Firma im Kleinen zu belassen, denn im Großen, mit noch mehr Leuten, die bei der „Holzhilfe“ mitmachen, müssten wir eine Logistik aufbauen. Da verliert das Ganze an Persönlichkeit und an Qualität, auf die die Kundschaft Wert legt: speziell das Persönliche und dieses Freundliche, sich die Zeit zu nehmen, zuzuhören, nochmal zu erklären und auch immer dieselben Leute anzutreffen. Wenn wir umziehen, dann nur, wenn wir mehr Räumlichkeiten brauchen, um die Kurse besser stattfinden zu lassen oder um zentraler in der Stadt zu sein. Ich denke, spätestens die Teamgröße von sechs Leuten wäre das Maximale für einen festen Kern, weil wir mit mehr Leuten einfach an Qualität verlieren würden.

Hallo Dresden: Wenn Du Dir eine Sache für das Projekt wünschen oder eine Sache verbessern könntest, welche wäre das?
Klaus Flegel: Oh, ich habe gerade keine großen Wünsche, weil es einfach ein schönes Zusammenspiel zwischen all den Leuten ist. Ich könnte mir noch nicht mal einen höheren Gewinn wünschen, weil es einfach nur angenehm ist, mit den Leuten zu arbeiten. Meine persönliche Einstellung zum Leben ist halt: Wichtig ist nicht das Geld, sondern das, was man mit den Leuten teilen kann. Ich muss sagen, es macht mir so viel Spaß! Der Großteil der Leute, die hierher kommen, hat Freude am Arbeiten, sagt hinterher Danke und kommt wieder. Sicherlich kann ich mit meiner Selbstständigkeit im „Naturholzdesign“ mehr Geld verdienen, aber ich fühle mich hier bei der „Holzhilfe“ innerlich ausgeglichener.

Hallo Dresden: Ich höre, Du bist rundum zufrieden.
Klaus Flegel: Definitiv.

 


 

Kontakt:
Holzhilfe
An der Eisenbahn 2
01099 Dresden
Telefon: 0351 3284691
E-Mail: kurse@holzhilfe.de
holzhilfe-dresden.de

 

Fotos: Hallo Dresden/SachsenVerlag

 

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