„Oma sagt immer farbenfroh“

Die Ansage meiner fünfjährigen Tochter ist klar: „Papa, ich will ein Monster machen!“ Nun gut, nicht gerade das, was ich mir als Motiv für eine Weihnachtsfilzwerkstatt vorgestellt hatte. Doch der Nachwuchs soll ja auch bei der Stange bleiben. Für immerhin zwei Stunden habe ich uns bei Filzkünstlerin Claudia Müller angemeldet. Und zwei Stunden ist schon ein ordentliches Pensum für Kinder – dachte ich.

Der Zufall hat uns hierher geführt: Ich musste beim Bäcker eine Weile anstehen und habe, wie so oft, die Zeit genutzt, mich im Laden umzuschauen. An der Wand hingen Bilder aus Wolle, gefilzte Kunstwerke. Das hatte ich so noch nicht gesehen, mir den Namen der Künstlerin aufgeschrieben – mich dann später über sie informiert und zu einem Filzworkshop angemeldet. Meine beiden Töchter waren begeistert, denn für Wolle haben sie ein Faible. Ich hatte auch schon mal eine Kugel gefilzt; mir war das Ganze als recht mühselige Aktion in Erinnerung geblieben, vor allem, weil ich damals meiner (heute „großen“) Tochter in gebeugter Haltung assistieren durfte.

Hier jedoch bin ich zufrieden: Ich kann mich mit meinem gesamten Gewicht auf den Tisch lehnen und die Wollstücke durchwalken, damit alles schön fest zusammenhält. „Es kommt immer drauf an, wofür das Filzgewebe sein soll“, erklärt Kursleiterin Claudia Müller. „Dekorationsartikel brauchst du nicht so fest zu filzen, weil sie ja normalerweise nicht viel aushalten müssen – aber bei Gebrauchsgegenständen, wie diesem hier,“ – sie zeigt auf den bunten, nassen Woll-Fladen vor mir auf dem Tisch – „da bin ich pingelig. Das soll schön fest werden und durchgefilzt sein. Also: Du musst noch weitermachen.“

Während sich meine beiden Töchter für „Monster“ entschieden hatten, blieb für mich ein anderes Wunschobjekt der Jüngsten als Aufgabe. Der nasse Fladen vor mir ist ein Gemisch aus hellblau, tannengrün, leuchtend-orange, sonnengelb und veilchenlila – genau die richtigen Farben für ein Chamäleon, ein buntes. Ich tue, was ich noch gar nicht kann: fertige eine Skizze an, lerne die Größe einer Schablone berechnen, wiege Wolle ab, zupfe, befeuchte, walke. Während ich noch an meinen Einzelteilen herumbastle, sind meine Töchter bereits sehr viel weiter: Ihre Figuren sind schon deutlich zu erkennen, die letzten Seifenreste spülen sie gerade unter dem Wasserhahn aus, es folgt noch ein kleiner Schnitt, dann ist der Mund des Monsters fertig und die eigenartigen Wesen bekommen noch wundersame Augen. Meine Töchter werfen ein Gummibärchen und getrocknete Datteln ein, kurze Toilettenpause – und weiter geht’s: Ihre Monster brauchen schließlich noch Bettdecken, Teppiche, Futter-Häppchen und Stuhlauflagen. Ist doch klar! Ich habe keinen Schimmer, wie sie das alles so rasch und geschickt hinbekommen haben. Es muss an Claudia liegen.

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Filzkünstlerin Claudia Müller teilt das Wissen um ihre Fertigkeiten gern mit anderen: Sie gibt Workshops für Anfänger und auch für fortgeschrittene Filzer, außerdem schreibt sie Anleitungen zu Filztechniken.

„Das Unterrichten macht mir Spaß! Ob mit solchen Kinder-Eltern-Gruppen oder auch mit Senioren oder bei Kindergeburtstagen und auch bei Workshops unter richtigen Experten – es entstehen immer wieder einzigartige Objekte. Das mit begleiten zu dürfen, ist ein tolles Erlebnis!“, strahlt die Autodidaktin, zum Filzen sei sie zufällig gekommen: Sie habe an der Universität studiert, dann als junge Mutter viel Zeit mit ihren Kindern verbracht und nebenher das Filzen für sich entdeckt. „Ich hatte dann meine erste Kunst-Ausstellung, darauf sind wiederum Zeitschriftenredakteure aufmerksam geworden, die über mich geschrieben haben, wodurch ich bekannter geworden bin. Es hat sich herauskristallisiert, dass ich bei bestimmten Techniken ganz gut bin und so kommen mittlerweile auch erfahrene Filzer zu mir, um von und mit mir zu lernen.“ Ich kann mir das vorstellen: die Vielfalt an Filzobjekten, die sie zum Kurs als Inspiration, als Anschauungsmaterial mitgebracht hat, ist groß. Zwei andere Kursteilnehmerinnen sind denn auch dem Motto gefolgt und haben edle weihnachtliche Kugeln sowie urige Wichtelmänner angefertigt. „Das Tolle ist, mit ein paar Grund-Techniken und auch den Formen wie Kreisen, Schnüren und Dreiecken kannst du so viel variieren, dass immer wieder Neues entstehen kann.“ So langsam zeichnet sich das auch bei mir ab und schließlich ist der bunte Haufen mit Schnüren daran für meine Töchter zu einem Chamäleon geworden. Während ich kritisch bleibe und mir Verbesserungsmöglichkeiten für ein mögliches nächstes Mal überlege, sind die Kinder hellauf begeistert von ihrem neuen Spielkameraden und machen gleich noch mehr Futter-Häppchen. Derweil habe ich Ruhe, mir die beiden Hauptwerke meiner Töchter anzusehen. „Das sieht aus wie ein Gute-Laune-Monster“, sage ich zur Jüngsten. Die kontert: „Oma sagt immer farbenfroh oder so, wenn was ganz bunt ist.“ Ja, das passt auch jetzt ganz gut. Überhaupt haben wir eine recht farbenfrohe Runde veranstaltet. Die Kinder sind noch eifrig bei der Sache.

Wir sind die letzten Kursteilnehmer, die noch da sind und ich helfe Claudia beim Zusammenräumen der nassen Handtücher, der Luftpolsterfolien, Scheren, Wollreste usw. Am Ende hat sie einen großen Wanderrucksack vollgepackt. Und auch die Kinder haben ihre Schätze verstaut. Aus den geplanten zwei Stunden sind schließlich vier Stunden geworden. Die Wartezeit beim Bäcker hat sich gelohnt.

 


 

Kurse, Shop und Anleitungen:

exposicion.de – Filz- und Textilkunst
Claudia Müller
Stollestraße 54
01159 Dresden
E-Mail: post@exposicion.de‎
Telefon: 0351 8969265
www.exposicion.de

Fotos: Archiv Claudia Müller (Objekte & Portrait), HalloDresden (Workshop)

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