Aus Walross-Penisknochen und Leopard-Panzern

Wir waren im Gespräch mit Peggy Vornberger: Einer passionierten Messersammlerin, Fördermitglied der Deutschen Messermacher-Gilde und Organisatorin der Messe „Messer-Klinge-Stahl“ im Schloss Nickern. Sie hat uns von zum Teil eigentümlichen Bauteilen bei handgefertigten Messern erzählt.


Hallo Dresden: Die Herstellung von Messern ist ja ein sehr exotisches Hobby, wie bist Du denn dazu gekommen?
Peggy Vornberger: Eigentlich durch das Sammeln von Messern. Mein Mann und ich haben uns schon immer für Messer interessiert. Zudem gehen wir gerne mit schönen Dingen um und deshalb sollten es auch immer schöne Messer sein. Es waren aber noch maschinell gefertigte Messer, bis wir 2005, bei einem Urlaub im Bayerischen Wald, einen Messermacher kennengelernt haben, der uns seine Werkstatt und seine Messer gezeigt hat und wir waren fasziniert davon, dass so handwerklich tolle Sachen in Eigenregie gefertigt werden können. Dort haben wir uns auch sofort in ein Messer verliebt und haben dafür spontan unsere Urlaubskasse geplündert. Eigentlich wollten wir noch Ausflüge machen, aber wir dachten: Das muss es sein! Wir mussten es einfach haben, zumal es ein Unikat war. Daraufhin machte uns der Messermacher auf die verschiedenen Ausstellungen in Sindelfingen und Solingen aufmerksam. Dort waren wir dann richtig geflasht. Meine Sammlung ist im Vergleich nur minimal, auf den Messen erschlägt es einen ja förmlich. Es ist so eine Vielfalt und Bandbreite an Kunstfertigkeit; D Messermacherei umfasst Metallbearbeitung, die Bearbeitung von Holz und anderen Naturmaterialien, beispielsweise die Fertigung der Messerscheiden aus Leder. Zusammenfassend ist zu sagen, dass es ein breitgefächertes Kunsthandwerk ist und deshalb haben wir da reingeschnuppert.

Hallo Dresden: Was gibt es denn für verschiedene Arten von Messern und was ist Deine Spezialität, vor allem bei der Form und dem Material?
Peggy Vornberger: Es gibt feststehende Messer, Klappmesser, Dolche, Schwerter, Springmesser – letztere sind allerdings in Deutschland verboten – und Messer mit sehr raffinierten Klappmechanismen. Ansonsten muss man auch bei Klappmessern darauf achten, dass diese beidhändig zu öffnen sind, da es sonst unter das Waffengesetz fällt, diese Messer mit sich zu führen. Die Vielfalt an Messern ist groß. Bei feststehenden Messern gibt es zum Beispiel Messer, deren Klingen in einem Erl enden, für welchen das Griffstück aufgebohrt wird. Oftmals kommt zwischen Klinge und Griff noch ein Parier-Element, häufig aus Neusilber oder Stahl, aus Messing oder Horn gefertigt, welches als Handschutz dient. Es gibt aber auch Messer mit einer durchgehenden Klinge bis hinten, bei denen dann Griffschalen beidseitig draufkommen.

Hallo Dresden: Wenn ich das hier auf dem Tisch richtig sehe, kann man viele Sachen auch als Schmuckstück zum Tragen verwenden?
Peggy Vornberger: Das liegt daran, dass die Materialien in der Fertigung so hochwertig und teuer sind, dass es da schlichtweg keine Abfälle gibt. Alles was zu klein für ein Messer ist, wird als Zierelement oder zu Schmuck verarbeitet. Viele Sachen sind aus natürlichen Materialien, wie zum Beispiel Hirschhorn, Rentierhorn, Büffelhorn oder auch Elfenbein. Es werden auch fossile Materialien wie Mammutelfenbein oder der Rippenknochen der Stellerschen Seekuh genutzt. Diese Sachen sind fest, kein bisschen porös und stellen somit die idealen Elemente für die Herstellung von Griffen dar. Wenn man diese bearbeitet, schleift und poliert, sehen sie aus wie Bernstein oder Marmor.

Hallo Dresden: Das sind alles echte Knochen?
Peggy Vornberger: Ja, die sind tatsächlich alle echt! Die Voraussetzung ist, dass Materialien verwendet werden, die nicht mehr arbeiten, also nicht mehr frisch sind. Für eines meiner selbstgefertigten Messer habe ich Griffschalen aus Rentierhorn hergestellt. Das Horn war aber leider zu frisch und hat sich deshalb zusammengezogen. Das hatte zur Folge, dass sich eine Spalte geformt hat und ich nacharbeiten musste. Jetzt werden Sie lachen! Hier habe ich ein sehr begehrtes Material: Einen Knochen, der sich Oosik nennt: Das ist der Knochen vom Penis eines Walrosses. Wenn dieser verarbeitet wird, sieht er wie Marmor aus und fasst sich auch so an.

MesserKlingeStahl_Knochen.Messer

Hier dient ein Stück vom Walross-Penisknochen (oben) als Griffmaterial für ein Messer mit Damaszener-Klinge.

Hallo Dresden: Das stimmt. Es fühlt sich gar nicht so an, als würde man einen… Knochen in der Hand halten. Aber kann ich mal fragen, wie man überhaupt an solche Materialien kommt?
Peggy Vornberger: Auf den Messermacher-Ausstellungen haben auch Materialmacher ihre Chance, solche Sachen an den Mann zu bringen. Man kann sich so etwas auch teilweise über das Internet bestellen, nur weiß man dann nicht so genau von wem das kommt und vor allem ist man auch über die Herkunft im Unklaren. Man kann dann nicht genau sagen, ob man Mammutelfenbein aus dem Permafrost oder doch Elefantenelfenbein erhält, was wegen der Wilderei unter Artenschutz fällt und nur unter ganz schweren Bedingungen erhältlich ist. Ich habe zwar welches, wofür ich aber auch das CITES-Zertifikat besitze, dem Artenschutzbestimmungen zugrunde liegen. Zusammenfassend kann ich sagen, dass man nur auf solchen Messen und bei dem Händler seines Vertrauens kaufen sollte.

Hallo Dresden: Du hast auch schon mal selbst Messer hergestellt?
Peggy Vornberger: Genau! Ich habe mich davon anstecken lassen und angefangen, mir ein paar Entwürfe anzufertigen, wie das Messer aussehen soll, das ich selber machen möchte. Mein erstes Messer ist ziemlich grobschlächtig geworden. Ich habe eine Klinge aus Bandstahl ausgesägt und gefeilt, ein großes Parier-Element aus Bronze rausgefeilt und mit einem Griff aus Büffelhorn und Rosenholz ergänzt. Dann ging es ans Feilen und Schleifen, alles per Hand. Leider bekomme ich die Klinge nicht richtig scharf, da sie etwas ballig geworden ist. Trotzdem bin ich ziemlich stolz darauf, weil dies mein erster Versuch war. Mein zweites Messer war dann schon feiner und diffiziler. Zum 40. Geburtstag haben mir Freunde und Verwandte einen Damast-Schmiedekurs geschenkt. Das war die Schmiede von Jan Krauter in Mecklenburg. Dort sollte man, in zwei Tagen, selber eine Damast-Klinge schmieden und daraus ein Messer fertigen. Bei mir hat es aber leider drei Tage gedauert und ich hatte dann erst die Klinge fertig. Das Messer habe ich dann Zuhause in Eigenregie fertiggestellt. Ich bin auch sehr stolz darauf, weil ich hier 84 Lagen Stahl von Hand verschweißt habe, was eine Knochenarbeit darstellt, vor allem für eine Frau!

Hallo Dresden: “Verschweißen“ ist das Zusammenbringen der Metalle…?
Peggy Vornberger: Ja, wenn man beim Schmieden zwei verschiedene Stahlsorten benutzt, werden diese gespalten und dann im Sandwichverfahren immer wieder übereinandergelegt solange feuerverschweißt, bis man die gewünschte Anzahl an Lagen erreicht hat.

Hallo Dresden: Was kann man denn in puncto Materialien und Formen noch so alles im Messerbau umsetzen?
Peggy Vornberger: Wir hatten ja vorhin schon über die verschiedensten organischen Materialien und auch Hölzer gesprochen. Auch kann man Unistähle, wie zum Beispiel einfachen Bandstahl oder auch Damaststähle verwenden. Ich habe sogar Stahl von einem ehemaligen Leopard-Panzer; Man kann tatsächlich Panzer zu Messern schmieden.

Hallo Dresden: Der Panzer besteht wohl auch aus mehreren Stählen?
Peggy Vornberger: Genau! Voraussetzung für einen Damaststahl ist, dass er immer aus einem besonders harten und einem besonders zähen Stahl besteht. Die Elastizität der Klinge hängt davon ab, damit das Messer nicht spröde wird und die Klinge eine hohe Härtezahl von bis zu bis 60 Rockwell erreicht. Es gibt aber auch noch was ganz Besonderes: „Mokume Gane“. Das kommt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie „holzgemasertes Metall“. Ich habe zum Beispiel etwas, das aus Bronze und Gold verschweißt wurde, was einen ganz besonderen Effekt bei einem Klingenschutz oder bei Ketten hervorruft. Ansonsten wird an Materialien auch  auch Carbon verwendet, oder alle möglichen Sorten von Stein. Man kann sagen, dass man alles an Material verwenden kann, was sich schleifen lässt und nicht unter das Artenschutzabkommen fällt.

Hallo Dresden: Wie sieht denn Dein persönliches Traummesser aus?
Peggy Vornberger: Das persönliche Traummesser ist das jeweils aktuelle, was entweder gerade gefertigt wurde, ich mir gekauft oder hab schenken lassen.

Hallo Dresden: Wie viele Messer besitzt Du eigentlich?
Peggy Vornberger: Zu viele! (lacht) Aber mit Messern ist es ja wie mit Schuhen, man kein einfach nie genug haben. (beide lachen)

MesserKlingeStahl1

Naturmaterial für den Griff (oben), Stahlrohlinge (darunter) sowie Schmuckgegenstände (links unten) und diverse Messertypen.

Hallo Dresden: Nutzt Du diese edlen Messer eigentlich auch im Alltag oder kommen da trotzdem eher herkömmliche Küchenmesser zum Einsatz?
Peggy Vornberger: Also den üblichen Gemüse-Schnitzer gibt es natürlich auch, ich bin da auch nicht so und werfe die Gemüse- und Besteckmesser auch in den Geschirrspüler. Aber natürlich kommen alle handgefertigten Messer, die wir Zuhause haben, nicht in den Geschirrspüler; Viele der Messer sind im täglichen Einsatz. Messer sehe ich als Gebrauchsgegenstand an und sie gehören für mich nicht in eine Schublade. Ich habe mir heute erst im Büro eine Paprika und Käse aufgeschnitten. Wenn Pilz-Zeit ist, braucht man im Wald auch ein Messer oder wenn ich mit den Hunden spazieren gehe und ich irgendwo ein paar Äste sehe. Sei es nur, um Schnürsenkel zurechtzuschneiden oder sich die Fingernägel auszuputzen: Ein Messer gehört einfach in jede Tasche.

Hallo Dresden: Wie verhält es sich bei Messern, die man im Alltag nutzt? Wenn es nicht gerade ein handgemachtes Messer sein muss, worauf soll man da bei der Qualität achten?
Peggy Vornberger: Auf Schärfe, denn das ist das A und O. Wenn du dich mit einem scharfen Messer schneidest, dann ist der Schnitt sauber. Wenn du aber ein stumpfes Messer hast und dich damit aus Versehen schneidest, dann reißt du dir die Haut und das Fleisch auf, was es nur noch schlimmer macht. Auch wenn es maschinell gefertigt ist: Ein Messer muss immer scharf sein.

Hallo Dresden: Abgesehen von Schärfe, lässt sich sonst nichts weiter pauschalisieren?
Peggy Vornberger: Nein, dafür ist das viel zu individuell. Jeder empfindet die Qualität für sich anders. Es gibt Fans von japanischen Messern, wie zum Beispiel den Santokus, oder auch Menschen mit Vorlieben für persische Dolche. Rostfreiheit ist natürlich gut, aber auch nicht wichtig, weil ein Messer ohnehin regelmäßig gepflegt und geölt werden sollte.

Hallo Dresden: Gilt das Herstellen von Messern eigentlich als Hobby oder gibt es Messermacher, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten?
Peggy Vornberger: Ich kenne keinen Messermacher, der ausschließlich davon leben kann, weil es eine sehr zeitaufwändige Kunst ist und die Messer dadurch auch entsprechend ihren Preis haben. Nahezu jeder Messermacher, der das professionell betreibt, hat ein zweites Standbein. Entweder eine Schleiferei, einen Materialhandel oder er gibt Messerbaukurse. Ich kenne sonst nur einen, der das hauptberuflich macht, aber selbst er verdient noch durch Materialhandel dazu. Man benötigt noch zusätzliche Alternativen, um davon leben zu können.

Hallo Dresden: Wie weit reicht das Preissegment handgefertigter Messer? Ich glaube, das günstigste was ich bisher gesehen habe, lag bei rund 400 Euro…
Peggy Vornberger: Es gibt Messermacher, gerade aus osteuropäischen Ländern, die bauen tolle Messer, aber bieten das zu einem Preis an, den man hier in Deutschland überhaupt nicht halten könnte. Generell ist die Bandbreite groß, man kann schon tolle handgeschmiedete Messer im zweistelligen Bereich kaufen, aber natürlich auch locker im fünfstelligen. Ich habe auf den Messen schon Messer in der Hand gehabt für 13000 Euro. Wir haben zum Beispiel einen Messermacher, der fertigt feinste, hochwertige, aufwändig gearbeitete Schwerter und liefert seine kostbaren Unikate an den arabischen Golf. Wenn man zu solchen Aufträgen gekommen ist, dann hat man es als Messermacher natürlich geschafft.

Hallo Dresden: Wohin können sich denn Interessierte wenden und was für Veranstaltungen stehen an?
Peggy Vornberger: Infos kann man sich auf der Homepage der Deutschen Messermacher Gilde oder auf meinem Blog holen. Die nächste Messer-Messe findet in Solingen vom 30.04. bis 01.05.2016 statt und die nächste Messer-Klinge-Stahl in Dresden wieder am 08.10.2016, einem Samstag, hier bei uns in Dresden – im Schloss Nickern.

Hallo Dresden: Vielen Dank für das aufschlussreiche und nette Gespräch über die Welt der Messer!
Peggy Vornberger: Es war mir eine Freude! Ich hoffe bald auf den Messen wieder neue und interessierte Menschen kennenzulernen.


Weblinks:
Deutsche Messermacher Gilde
Messe „Messer Klinge Stahl“

Fotos: SachsenVerlag

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