ABC-Schule Matthäusfriedhof Dresden. Lernen auf der Wiese. // (c) Umweltzentrum Dresden e. V.

Von Mund-zu-Mund und Herz-zu-Herz

Der Umweltzentrum Dresden e. V. sorgt mit seinem Engagement für eine lehrreiche und freundliche Abwechslung im Alltag der Flüchtlinge, die in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in der Bremer Straße untergebracht sind. Hallo Dresden war einen Nachmittag lang zu Besuch in der ABC-Schule auf dem Äußeren Matthäusfriedhof – direkt gegenüber der Zeltstadt.

Mir ist kalt. Nach zwei Stunden an den Tischen friere ich. Den meisten anderen geht es ebenso. Der heiße Sommer ist vorbei. Was Anfang August im Schatten unter den Baumwipfeln des ehemaligen Äußeren Matthäusfriedhofs begonnen hatte, hat hier keinen Bestand, das bekommen allmählich alle am eigenen Leib zu spüren. Und doch, heute ist ein besonderer Tag, es ist Freitag, der 25. September 2015 und das Projekt bekommt eine Perspektive – die Zusage für ein Winterquartier steht fest.

Seit 2013 kümmert sich das Umweltzentrum um das ehemalige Friedhofsgelände in der Bremer Straße. Diese Ruhestätte ist eine idyllische: Hohe Ahornbäume und mächtige Platanen, Büsche und Sträucher prägen das Bild. Die Mitarbeiter des Umweltzentrums pflegen die Gebäude, die Pflanzen und die Gräber; Herabfallende Äste werden als Hecke um das Gelände arrangiert, feinere Zweige zu kunstvollen Skulpturen verarbeitet. Ein Kontrast zur plasteweißen Einheitsordnung der Zeltstadt gegenüber.

Freitags-Kinderkino auf dem Matthäusfriedhof // (c) Umweltzentrum Dresden e. V.

Mal ganz ohne Worte: Für die Kinder gibt es Filmvorführungen – so haben die Erwachsenen Zeit, die Lernangebote an den ABC-Tischen zu nutzen.

„In dem Camp gibt es nichts, was wir machen können“, sagt ein junger Mann aus Damaskus. Er ist schon seit über einem Monat in der Dresdner Erstaufnahmeeinrichtung in der Bremer Straße, hat seine medizinische Untersuchung hinter sich und wartet nun auf ein „Interview“, in dem seine persönliche Situation von den Behörden schriftlich aufgenommen wird. Wann das sein wird, weiß er nicht: „Es ist eine Glückssache, ob du schnell einen Interviewtermin bekommst. Manche sind nach mir gekommen, mit dem Interview und allem durch und schon wieder unterwegs.“ Auch er möchte weiter, nicht in Dresden bleiben, „aber in Deutschland. Das ist meine neue Heimat, hier möchte ich wohnen.“ Und darum lerne er die deutsche Sprache: „Sprache ist so wichtig, ich kann in Deutschland nichts machen, wenn ich die Sprache nicht kann. Darum komme ich gern nachmittags hierher.“ Hier könne er einen Teil seiner freien Zeit sinnvoll verbringen.

Auch Michael aus Dresden hat gerade viel Freizeit: „Ich bin arbeitslos, in meinem gelernten Beruf will und kann ich wegen gesundheitlicher Probleme nicht mehr arbeiten. Schon seit einer Weile schaue ich mich nach einem Betätigungsfeld im sozialen Bereich um, auch im Bereich der Flüchtlingshilfe arbeite ich immer mal wieder ehrenamtlich.“ Doch eine Festanstellung sei nur schwierig zu bekommen, da bestimmte berufliche Qualifikationen im medizinischen, psychologischen oder logistischen Bereich und am besten noch besondere Sprachkenntnisse, die über Englisch hinausgehen, gesucht würden. Durch die Arbeit bei der ABC-Schule komme er auf andere Gedanken, habe etwas zu tun und könne Erfahrungen sammeln, die für seine Neuorientierung hilfreich seien, sagt der 31-Jährige.

Michael war einer der ersten freiwilligen „Lehrer“, die sich heute an einen Tisch gesetzt haben, um auf lernwillige „Schüler“ zu warten. Er ist zum fünften Mal hier, kennt sich mit den Bedingungen aus, hat Kapuzenpulli und eine Baumwolljacke an. Dennoch: Seine Lippen sind blau angelaufen, die Hände kalt. Von seinen letzten Schülern trugen manche nur T-Shirts am Oberkörper, hatten Gänsehaut. An den anderen rund 10 Tischen sieht es ähnlich aus.

Lehrerin Frida hat vorgesorgt und heißen Tee in der Thermoskanne dabei. Ihr pakistanischer Schüler zögert, Tee sei nicht sein Fall, nimmt dennoch einen Schluck. Ihm sei Ayran, das Joghurtgetränk, lieber. Auch ihre syrischen Schüler verziehen das Gesicht. Kurze Verwirrung bei Frida: „Ihr mögt keinen Kräutertee?“ „Doch, doch. Sehr gern. Nur ist er zu stark“, bringt es einer der Männer auf den Punkt. „Zu stark?“, das kann die Dresdnerin nicht nachvollziehen. Ihre Schüler scherzen eine Weile auf Arabisch untereinander, dann versucht es einer von ihnen auf Englisch in Worte zu fassen: „Du hast hier einen Tee mit ein bisschen Zucker. Wir mögen es lieber, wenn viel Zucker mit ein bisschen Tee aufgegossen wird.“ Alle lachen. Die Stimmung ist gut. Die Wärme aus der Thermoskanne hat die Wärme in den Herzen aufleben lassen. „Deswegen bin ich hier: Ich will aufmuntern, gemeinsam von und mit den Flüchtlingen lernen, mit ihnen über ihre Situation sprechen und die Strukturen erklären“, resümiert die 23-jährige Studentin.

Hiltrud, 78 Jahre, Lehrerin am Nebentisch sieht ihren Einsatz als „Hilfe, für jene, die Hilfe benötigen. Es ist mir ein Akt christlicher Nächstenliebe.“ Mit zwei Männern am Tisch spricht sie Englisch: „Schwierig ist es mit jenen, mit denen man gar keine gemeinsame Sprache hat.“ Doch gerade für die ist Hiltrud die richtige Ansprechpartnerin, denn bei ihr gibt es die Grundlagen: das ABC und die Zahlen. Einige Unterrichtsmaterialien hat sie selbst gemacht, am Computer die Buchstaben auf DIN A4 Seiten getippt, ausgedruckt, kopiert, mitgebracht. Bei ihr lernen auch zwei Frauen am Tisch, „die üben gerade die lateinischen Buchstaben. Sie hier neben mir“, Hiltrud weist nach links, „schreibt die Buchstaben richtig ab, aber oft spiegelverkehrt. Es ist für sie eine Umgewöhnung vom Arabischen, wo von rechts nach links geschrieben wird. Das sind neue Erkenntnisse für mich. Und so gehen wir immer einen Schritt weiter.“

Bei Frida hat das illustre Teekränzchen eine kurze Pause: Lernen ist angesagt. Die drei Schüler und Frida erfahren gerade, dass die Übersetzung eines englischen Satzes im Arabischen eine andere Bedeutung hat als es die Übersetzung ins Deutsche mit sich bringt. Also muss „Miss Frida“ wieder neu ansetzen, um die Fallregeln im Deutschen zu erklären. Hohes Lernniveau.

Bei Ursula und Eric hingegen werden Formulierungen gleich in fünf verschiedenen Sprachen erkundet. Ursula hat deutsche Begrüßungsformeln auf Pappschilder geschrieben und privat nach einem guten Unterrichtsbuch gesucht und verwendet Übungen daraus. Doch Grammatikunterricht gibt es heute nicht, jedenfalls nicht für ihre algerischen Schüler. Hier geht es in einem Sprachen-Wirrwarr um kulinarische Köstlichkeiten. Für „Lehrer“ Eric ein Glückfall.

Der 14-Jährige ist Schüler am Gymnasium und mit seiner Mutter Ursula hier. Die Krankenschwester ist gerade mit ihrem jüngeren Kind Zuhause. „Für diesen Nachmittag kümmert sich jemand anderes um das Kleine“, erklärt die gebürtige Polin, „denn mir ist das hier ein Anliegen. Ich weiß, wie schwer es ist, Anschluss zu finden und die Sprache zu lernen.“ Ihr Sohn wäre jetzt eigentlich beim Training. Es spielt keine Rolle, welches Training er sausen lässt. Nicht für ihn. Also auch nicht für mich; Ich erfahre davon nur, weil seine Mutter es beiläufig erwähnt, als eine andere Helferin an den Tisch kommt: „Ihr seid doch noch da?!“ „Ja“, Ursula ist ganz euphorisch, „wir sind ins Reden gekommen und unterhalten uns so gut. Und es ist so toll, dass Eric mit seinem Französisch heute da ist, das hilft so weiter, eigentlich wäre er jetzt beim Training…“ Doch jetzt ist Eric hier. Das zählt. Der Moment ist stark und der Junge zehrt davon. Er möchte nach diesem Schuljahr einen Auslandsaufenthalt machen. „Beim Bewerbungsverfahren habe ich auch von meiner Erfahrung hier berichtet. Aber deswegen bin ich nicht hier.“ Ich soll ihn nicht falsch verstehen. Dass er hier im Park am Tisch sitzt, sei nicht geplant, nicht kalkuliert. Er begleite seine Mutter, das zweite Mal schon. „Ich kann nicht jeden Tag kommen, weil ich so lange Schule habe und es dann nicht hierher schaffe.“ Er würde gern öfter mitkommen und sieht doch auch seinen bisherigen Alltag, der für ihn auch weitergehen soll. „Aber klar, dass ich hier heute jemanden getroffen habe, der Französisch spricht, ist klasse! Ich konnte mein Schulfranzösisch mal ausprobieren.“ Sein Gegenüber lobt ihn für seine Aussprache und sein gutes Hörverstehen – in fünf Sprachen gleichzeitig: Der Algerier spricht Französisch hier am Tisch, sein Englisch allein reicht nicht – und Spanisch versteht hier keiner, seine paar Brocken Italienisch auch nicht und Deutsch übt er jetzt erst seit ein paar Tagen, ein paar Sätze kann er schon.

ABC_Tische_voll // (c) Umweltzentrum Dresden e. V.

Rund 100 Flüchtlinge pro Tag nutzen das Lernangebot an den ABC-Tischen.

Alle „Lehrer“, die ich frage, sind begeistert von der Eigenmotivation ihrer Schüler; sie seien wissbegierig, fleißig, geduldig und freundlich im Umgang miteinander. Und auch Susann Binder, im Bundesfreiwilligendienst für das Umweltzentrum tätig, bestätigt: „Die Atmosphäre hier ist toll. Sicher, diese herrliche Parkanlage tut ihr Übriges. Doch bringen die Menschen, die hierher kommen diese Aura mit – sowohl die Flüchtlinge als auch die Ehrenamtlichen. Wir vom Umweltzentrum sind froh, all jenen, die es wollen, hier einer ihrer ersten Ansprechpartner ‚in Zivil‘ zu sein. Zu dem, was wir den Menschen hier auf dem Gelände anbieten, bekommen wir nur positive Rückmeldungen.“ Und das spricht sich rum.

Ansonsten, berichten mir einige der Flüchtlinge, gingen viele Informationen an ihnen vorbei: Nicht nur was Nachrichten aus der Heimat angehe oder die nächsten Schritte ihrer ab jetzt organisierten Reise durch die Aufnahmepunkte in Deutschland. Selbst die Informationen zu ihrem aktuellen Aufenthalt im „Camp“, wie die meisten hier sagen, seien spärlich: „Wann du mit deiner medizinischen Untersuchung und einem Interview drankommst, ist eher Glückssache.“ Und auch zu dem Lernangebot des Umweltzentrums würde es keine offiziellen Informationen auf der anderen Straßenseite geben. Über Mund-zu-Mund-Propaganda informierten sich Freunde und „Bettnachbarn“ untereinander.

„Meine Schüler kommen oft wieder zu mir und bringen dann Freunde mit“, sagt Frida. Die junge Frau ist beliebt, das bestätigen mir sowohl Schüler als auch andere Lehrer, eine Erklärung dafür ist nicht so recht zu finden, aber die Treffen bei Frida seien immer voll – schon von Anfang an; Dass sie schon ein paar Wochen dabei ist, wirke sich mittlerweile ebenfalls positiv aus: Der junge Mann aus Damaskus sieht darin einen wesentlichen Teil seines Lernerfolgs: „Es ist mir wichtig, eine feste Ansprechpartnerin zu haben. Miss Frida weiß, was ich schon kann und wo ich noch Schwächen habe, wir können daran arbeiten, müssen nicht immer wieder von vorne anfangen.“ Für die Lehrerin ist das auch ein wichtiger Punkt. Für sie gehe das über die reinen Lerninhalte hinaus, die Beziehungen zu ihren regelmäßigen Schülern seien intensiver, sie könne tiefer in deren Geschichten eintauchen, vieles müsse nicht mehr gesagt werden, die Gespräche über Krieg, Verluste und andere Leiden stünden nicht mehr im Vordergrund: „Wir quatschen halt einfach über Zeug über das junge Leute so reden: Musik, Essen, Pläne für die Zukunft. Ich fühle mich dadurch nicht so als Lehrerin, die anderen was beibringt. Ich lerne von den Jungs hier eine Menge über sie als Menschen.“

ABC-Wiese // (c) Umweltzentrum Dresden e. V.

Es geht auch ohne Tische und Bänke: Das Parkgelände des Äußeren Matthäusfriedhofs bietet reichlich Platz für die Lerngruppen.

Dass sich die Arbeit des Umweltzentrums und der vielen Freiwilligen, die hier als „Lehrer“ ihre Zeit mit den Menschen aus der Erstaufnahmeeinrichtung verbringen, für alle Seiten lohnen kann, wird auch zunehmend einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. „Und das ist wiederum gut für das Projekt und alle Beteiligten“, freut sich Claudia Nikol, Pressesprecherin des Umweltzentrums. Denn ab sofort steht ein Winterlernort zur Verfügung: mitten in der Altstadt, im Herzen tradierter Dresdner Kultur, mitten unter den Menschen – im Lichthof des Albertinums. „Uns war von Anfang an bewusst, dass unser Angebot hier nicht das ganze Jahr über weitergeführt werden kann. Die Friedhofsanlage, auch die Gebäude, sind keine mögliche Alternative für die ABC-Schule. Wir haben lange nach einem Ausweichstandort gesucht. Und nun hat er uns gefunden! Wir sind vor allem den engagierten Mitarbeiterinnen der Staatlichen Kunstsammlungen dankbar, die vor Ort alles eingefädelt haben. Am neuen Standort sind die Menschen noch ganz anders im Stadtbild präsent. Sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Einwohner und Besucher von Dresden werden das völlig neue Eindrücke sein. Wir sind gespannt auf die neuen Erfahrungen, die wir damit sammeln.“

Für heute jedenfalls, es ist beinahe fünf Uhr nachmittags, lösen sich die Gruppen an den Tischen auf. Wenngleich es ein sonniger Tag war, die Wärme aus den Thermoskannen und in den Herzen reichen nicht mehr aus. Sowohl Schüler als auch Lehrer brauchen wieder Bewegung, um warm zu werden. Bis die Feinheiten geklärt sind – zum Beispiel wie die recht weite Entfernung zwischen Erstaufnahmelager und neuem Lernort überbrückt werden kann – treffen sie sich dennoch weiterhin nachmittags an den Tischen auf dem Matthäusfriedhof. Und wer ein bisschen Wärme übrig hat, ist jederzeit herzlich Willkommen.


Update: 08. Oktober 2015:

Die Feinheiten sind geklärt – die ABC-Schule zieht um!
Seit heute finden die ABC-Tische von dienstags bis donnerstags 15.00 bis 17.00 Uhr im Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen statt.

Der neue Lernort ist:
Albertinum
Tzschirnerplatz 2, 01067 Dresden
Eingang über Brühlsche Terrasse und Georg-Treu-Platz

Wer dabei sein möchte, schaut am besten auf der Facebook-Seite des Umweltzentrums nach aktuellen Informationen. Dort gibt es auch den Hinweis auf die aktuellen Terminplanungen:

www.facebook.com/UmweltzentrumDresden

alle Fotos: Umweltzentrum Dresden e. V.

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Ein Kommentar zu “Von Mund-zu-Mund und Herz-zu-Herz

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