Die erste Gartenstadt Deutschlands

Hallo Dresden hat sich auf die Spuren der Geschichte einzelner Dresdner Stadtteile begeben. Teil 3 der Serie widmet sich Hellerau, einem ganz besonderen Viertel Dresdens. Hier treffen experimentelle Kunst und Wohnen im Grünen aufeinander.

Kurz nach dem Entstehen der ersten Gartenstadt in England feierte auch die erste Anlage Deutschlands ihre Gründung. Hellerau, nah an der Großstadt Dresden gelegen, aber umgeben von unberührter Heidelandschaft, erwies sich als idealer Standort. Die Initiative dafür geht auf den Dresdner Möbelfabrikanten Karl Schmidt zurück. Seine »Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst« florierten und der Tischlermeister entschied 1906, in Hellerau eine neue Fabrik zu errichten. Doch dem nicht genug. Nebenan sollte für seine Arbeiter eine Stadt entstehen – die erste Gartenstadt Deutschlands. Dahinter stand der Gedanke neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu propagieren, die Wohn- und Arbeitswelt der Menschen an einem Ort zu verbinden. Dies sollte auch auf künstlerischem und architektonischem Gebiet Ausdruck finden.

Der Münchner Architekt Richard Riemerschmid machte sich daran, Schmidts Ideen in die Tat umzusetzen. Er entwarf den Plan einer Siedlung mit verschiedenen Vierteln und bogenförmigen Straßen, die sich der hügeligen Landschaft anpassten. Wohnhäuser für Arbeiter entstanden neben größeren Landhäusern, eine Ladenpassage am Marktplatz sowie eine Schule mit Wohnheim. Damit sollte Hellerau einen Gegenpunkt zum gedrängten, bedrückenden Wohnen in den Mietskasernen der Großstadt setzen. Sollte eine überschaubare Stadt für Arbeiter, Bürger und Unternehmer werden, mit dem Ziel eines ganzheitlichen und geselligen Lebens im Grünen. Im Herbst 1909 zogen die ersten zehn Familien in die Gartenstadt, vier Jahre später zählte Hellerau fast 2000 Einwohner.

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Doch das Konzept der Gartenstadt sah nicht nur ein Leben nah an der Natur, sondern auch reichhaltig an Kultur, vor. So regte Dr. Wolf Dohrn, Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, an, die Hellerauer Werkstätten und Wohnanlagen durch ein Kulturzentrum zu ergänzen. 1911 errichtete Heinrich Tessenow das Festspielhaus Hellerau, das sich schnell zur fortschrittlichen Kulturstätte entwickelte und bekannte Künstler aus ganz Europa an die Peripherie von Dresden lockte. An das Festspielhaus war auch eine »Bildungsanstalt für rhythmische Gymnastik« angeschlossen. Mary Wigman, die spätere Begründerin des modernen Ausdruckstanzes, lernte hier, Kafka, Rilke und Le Corbusier reisten zu den Schulfesten im Sommer an.

Doch der Ausbruch des 1. Weltkriegs setzte dem internationalen Treiben in Hellerau ein Ende. Die Nationalsozialisten wandelten das Gebäude schließlich in eine Polizeischule um, zu Zeiten der Roten Armee diente es als Lazarett und Kaserne. Doch seit umfangreichen Renovierungsarbeiten Anfang der 2000er-Jahre knüpft Hellerau an frühere Glanzzeiten an. Das Tanztheater Derevo und die Forsythe Company besitzen feste Residenzen in Hellerau, diverse Festivals, wie das CYNETART- Festival für computergestützte Kunst, haben ihren Weg ins Programm gefunden. So wird wieder munter experimentiert in Hellerau.

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© Nika Kramer

Und die Gartenstadt heute? Der Großteil der Häuser befindet sich in Privatbesitz und wurde umfassend saniert. Vereine wie »Bürgerschaft Hellerau« setzen sich für ein reges Zusammenleben der Hellerauer ein und arbeiten an der Weiterentwicklung der Gartenstadtidee mit.

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2 Kommentare zu “Die erste Gartenstadt Deutschlands

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