Vom beschaulichen Bauerndorf zur bedeutenden Industriegemeinde

Hallo Dresden hat sich auf die Spuren der Wirtschaftsgeschichte einzelner Dresdner Stadtteile begeben. Den Anfang der Serie macht Niedersedlitz, das sich vom beschaulichen Bauerndorf zur wichtigsten Industriegemeinde vor den Toren Dresdens entwickelte.

Niedersedlitz war bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein unbedeutendes Bauerndorf, mit weiten Feldern ringsherum. Groß zu werden begann der Ort mit dem Bau der Eisenbahnlinie nach Böhmen 1845. Dieser schritt so gut voran, dass drei Jahre später der Streckenabschnitt Dresden-Pirna eröffnet wurde. 1871 wurde der Fabrikant Otto Kauffmann auf die günstige Lage von Niedersedlitz aufmerksam und gründete eine chemische Fabrik für Schamottewaren und Mosaikplatten. Er exportierte seine Mosaikfliesen bis nach Russland und Südamerika, stattete aber auch viele öffentliche Gebäude im deutschen Raum, wie den Leipziger Hauptbahnhof sowie das Königliche Schloss in Berlin aus.

Otto Kauffmann's Chemische Fabrik, Schamottewaren und Mosaik-Platten-Fabrik in Niedersedlitz, 1911

Otto Kauffmann’s Chemische Fabrik, Schamottewaren und Mosaik-Platten-Fabrik in Niedersedlitz, 1911

Mit der Gründung seines Betriebs legte Kauffmann den Grundstein für die industrielle Entwicklung von Niedersedlitz, denn schon bald siedelte sich dort eine Vielzahl an anderen Betrieben an. Darunter die Malzfabrik der Gebrüder Pick, diverse Zuckerwarenfabriken, das Elektromaschinenwerk von Oskar Ludwig Kummer, aus dem 1903 das Sachsenwerk hervorging, sowie die Firma Höntsch, die Gewächshäuser, Heizungsanlagen und Holzhäuser produzierte. Letztere lieferten ihre Erzeugnisse in die ganze Welt und unterhielten Niederlassungen auf vielen Kontinenten. So entwickelte sich Niedersedlitz zur wichtigsten Industriegemeinde vor den Toren Dresdens. Bereits 1907 waren dort 4000 Personen beschäftigt. Das rasche Wachstum von Industrie und Bevölkerung bescherte dem Ort einigen Wohlstand – die Fabrikbesitzer bauten sich stattliche Villen, die Gemeinde ein sehenswertes Rathaus, zahlreiche Vereine gestalteten das Gemeindeleben.

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© Heimatverein Niedersedlitz/ Wolfgang Krusch

Was ist rund 145 Jahre später von der einstigen Bedeutung von Niedersedlitz als Industriestandort übrig geblieben? Viele Fabriken wurden nach der Wende stillgelegt, heute haben sich im Industriegebiet an der Bismarckstraße vermehrt kleine Betriebe angesiedelt. Von den historischen Unternehmen sind unter anderem SBS und MBM Dresden übrig geblieben. SBS wurde 1874 als Stahl- und Metallbauunternehmen unter dem Namen Kelle & Hildebrandt in Friedrichsstadt gegründet. Ende des 19. Jahrhunderts eröffnete der Betrieb ein neues Werk in Großluga, das nach einer Eingemeindung ab 1922 zu Niedersedlitz gehörte. Einen Namen machte sich das Unternehmen mit dem Bau von Bühnentechnik und stattet bis heute weltweit Theater und Konzerthallen aus, darunter die Royal Opera in London und das Chinesische Nationaltheater in Peking.

MBM Dresden, der Nachfolgebetrieb der 1895 gegründeten Firma Höntsch, realisiert zahlreiche Projekte im Fassaden- und Glasdachbau. So plante und fertigte MBM unter anderem die freitragende Kuppel des Dresdner Schlosses und das Dach des ehemaligen Reichstagspräsidentenpalais in Berlin.

Der Investor Helmut Rothenberger, dem seit 1992 das Gebiet an der Niedersedlitzer Straße gehört, möchte außerdem den Standort Niedersedlitz wieder beleben und zu einem modernen Forschungsstandort entwickeln. Bis Mitte 2014 hatten sich dort über 35 Firmen angesiedelt, darunter das Dresdner Technologieunternehmen Creaphys, das auf der ganzen Welt Vertretungen unterhält. Dem sollen nun andere weltweit agierende Firmen folgen.


Bei der Recherche für diesen Artikel unterstützte uns der Niedersedlitzer Heimatverein.
Anfang 2010 fanden sich 12 Einwohner des Stadtteils zusammen, um den Heimatverein Niedersedlitz e. V. zu gründen. Zum einen erforschen sie die Geschichte des Stadtteils, sammeln historische Dokumente sowie Materialien und werten diese aus. Zum anderen setzen sie sich für die Entwicklung und Verschönerung ihres Viertels ein. So holten die Vereinsmitglieder 2012 die Skulptur »Nacksche«, die 1950 nach Gruna versetzt wurde, an ihren angestammten Platz im Niedersedlitzer Park zurück. Außerdem organisieren sie verschiedene Veranstaltungen, darunter das Parksingen im Herbst, einen Kinderfasching sowie themengebundene Rundgänge und Vorträge.

http://www.heimatverein-niedersedlitz.de
kontakt@heimatverein-niedersedlitz.de

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