Initiative für den Neuen Annenfriedhof

Im Denk Mal Fort! e.V. – Die Erinnerungswerkstatt Dresden haben sich engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammengefunden, die die Bewahrung des historischen Erbes der Stadt als Teil ihrer persönlichen Verantwortung erachten. Ein Schwerpunkt ist, Friedhöfe als begehbare Geschichtsbücher der Stadt für die nächsten Generationen zu erhalten und entsprechendes Wissen weiterzugeben. Einer dieser Friedhöfe ist der Neue Annenfriedhof in Löbtau. Heike Richter engagiert sich in der Initiative Neuer Annenfriedhof.

Hallo Dresden: Wie ist die Situation am Neuen Annenfriedhof? Warum bedarf es einer Initiative, die sich um den Friedhof kümmert?
Heike Richter: Der Neue Annenfriedhof wird seit 1875 als Begräbnisstätte genutzt und feiert in diesem Jahr seinen 140. Geburtstag. Die behutsame Erneuerung der desolaten Alleen einerseits und andererseits die Sanierung des Campo Santo, des hofartigen Friedhofsbereichs mit seinen Säulengängen, den ausdrucksstarken Skulpturen und Grabmalen, sind vom Friedhofsträger, trotz der ohnehin knappen Fördermittel, finanziell nicht zu stemmen. Zurückgehende Beisetzungszahlen und eine veränderte Bestattungskultur führen zu immer weniger Gebühreneinnahmen und steigenden Pflegekosten für nicht mehr genutzte Flächen. Ohne zusätzliches Engagement ist es nicht möglich, dieses Kultur- und Gartendenkmal dauerhaft zu erhalten. Deshalb sind die Mitglieder des Vereins DenkMalFort! e.V. gern bereit, Eigenverantwortung zu übernehmen und den Friedhofsträger zu unterstützen. Wir setzen dabei auf die Initiative der Löbtauer und sind bisher nicht enttäuscht worden.

Hallo Dresden: Was geht verloren, wenn der Friedhof nicht erhalten werden kann?
Heike Richter: Prinzipiell stellt sich die Frage: Zu welchen Konditionen würde der Friedhof geschlossen, wie sähe seine Zukunft aus? Der als Gartendenkmal eingestufte Neue Annenfriedhof, als einzige größere zusammenhängende Grünfläche in Löbtau, ist besonders wertvoll für das Stadtklima und die Menschen, die hier leben. Ich bin in diesem Sinne ganz optimistisch, dass sich die Entscheidungsträger von Kirche und Stadt dafür stark machen, dass dieser Friedhof mindestens als Grünfläche erhalten bleibt.

Heike Richter

Heike Richter setzt sich für den Erhalt des Neuen Annenfriedhofs als begehbares Geschichtsbuch ein

Hallo Dresden: Also kein Friedhof mehr an dieser Stelle?
Heike Richter: Wenn irgend möglich, sollte dieser Friedhof als solcher erhalten und genutzt werden! Er ist ein wichtiger Teil, der zur Ortschaft Löbtau gehört wie Kirche, Schulen, Geschäftsstraßen und so weiter. Hier wird die mittlerweile 437-jährige Geschichte der Annenkirchgemeinde und ihrer Friedhöfe erzählt. Manche alte Löbtauer Familie hat hier seit Generationen ihre Ruhestätte, mancher Grabstein wurde von den bereits geschlossenen Annenfriedhöfen herübergerettet. Unsere Ahnen haben diesen Platz zum Trauern, Erinnern und Begegnen gewählt – bei einer Schließung des Friedhofes würde die Verbindung der Löbtauer zu ihrem Bestattungsplatz verloren gehen. Kurze Wege zum Grab der Angehörigen, Freunde, Weggefährten und Kollegen wären ebenso wenig möglich, wie dort spontan Menschen aus der Ortschaft zu treffen, sich mit ihnen zu unterhalten, zu trauern, einander Trost und Hoffnung zu geben.

Neue Anne Grün 2

Hallo Dresden: Friedhöfe gelten gemeinhin als letzte Ruhestätte. Sie betrachten sie zudem als »Geschichtsbücher«. Welches Wissen steckt in diesen Büchern?
Heike Richter: Da könnte ich stundenlang reden und bleibe deshalb vorsichtshalber ganz beim Neuen Annenfriedhof. Ein wichtiges Kapitel – vor allem der jüngeren Friedhofsgeschichte – erzählt die Kriegsgräberanlage am Ende des Friedhofes. Sie ist in den vergangenen Jahren etwas in Vergessenheit geraten. Etwa 690 Tote – Männer, Frauen, Kinder, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene – sind in der dauerhaft zu erhaltenden Kriegsgräberanlage beigesetzt. Ein weiteres Kapitel im »Geschichtsbuch« sind die Skulpturen, eindrucksvollen Wandgräber und aufwändig gearbeiteten Grabsteine aus dem Barock bis in die heutige Zeit. Sie sind authentische, kaum veränderte Zeugnisse individueller bürgerlicher Trauerkultur. Sie stehen für die Handwerkskunst der alten Meister. Zudem erzählen viele alte Grabsteine je eigene Geschichten: Von verstorbenen Kindern, bedeutenden Persönlichkeiten der Stadt und von alten Berufen. Neue Grabsteine und Grabanlagen zeigen die Entwicklung der letzten Jahre. Inschriften beschränken sich oft nur auf die Namen und Lebensdaten, Bestattungen im Sarg wurden von Urnenbeisetzungen abgelöst, Gemeinschaftsanlagen statt Einzelgräber genutzt. Es gibt allerdings auch wieder zunehmend moderne, aufwendig gestaltete Einzelgrabmale, die ganz individuell das Schicksal und Facetten aus dem Leben des Verstorbenen zeigen. Der Neue Annenfriedhof ist aber auch aufgrund seiner Bäume, Gehölze, Blumen und Tiere ein Eldorado für Naturfreunde: Alte Bäume und Hecken sind Lebensraum für Vögel und unzählige Kleintiere. Die Löbtauer wissen es zu schätzen, dass weite Teile des Friedhofsareals im zeitigen Frühjahr von Schneeglöckchen und Krokussen bedeckt sind – ein atemberaubender Anblick!

NA Campo Santo Skulpturen (1)

Hallo Dresden: Dennoch: Friedhöfen lastet ein eher morbider Charme an. Oft sind die parkähnlichen Stätten auch beliebte Plätze, zum Beispiel für einen ruhigen Sonntagsspaziergang. In welchem Spannungsfeld stehen Friedhöfe heute?
Heike Richter: Viele Friedhofsträger werden sich in den nächsten Jahren mit einer Neunutzung von nicht mehr benötigter Bestattungsfläche beschäftigen müssen. Friedhöfe sind keine reinen Bestattungsplätze mehr, sondern Orte der Begegnung, Bildung und Erholung. So auch beim Neuen Annenfriedhof: Spaziergänger genießen die grüne Pracht und die alte Kultur, junge Familien schieben wie selbstverständlich ihre Kinderwagen über den Friedhof, Hundebesitzer führen den geliebten Vierbeiner aus, Fahrradfahrer und Eilige nutzen den Friedhof täglich, um Wegstrecken abzukürzen, selbst Skater wurden bereits gesichtet.

Hallo Dresden: Der Neue Annenfriedhof ist demnach Ruhestätte, Naherholungsgelände und sozialer Treffpunkt in einem?
Heike Richter: Genau. Der Neue Annenfriedhof erfüllt alle diese Ansprüche, entwickelt werden sollte in Zukunft die Funktion als Bildungsstätte. Dennoch bleibt er sicher in erster Linie ein Bestattungsort. Auch wenn einige Grabfelder bereits geschlossen sind, die Würde des Ortes sollte bei allen Aktivitäten Erholungssuchender und Besucher beachtet werden.

Hallo Dresden: Welche Ideen gibt es zum Erhalt beziehungsweise zur Pflege des Annenfriedhofs?
Heike Richter: Diese sind in erster Linie kulturell und bildend ausgerichtet. Erste kulturelle Veranstaltungen gab es schon. In Zukunft sollen Kunstprojekte wie Lesungen, Konzerte, Schauspiel und temporäre Installationen regelmäßig auf dem Friedhof stattfinden. Zudem sollen verschiedene jährliche Veranstaltungen, wie Führungen, und auch Informationsmaterialien über den Friedhof informieren. Wir wollen Spenden einwerben und Paten für Grabmale, Zäune und Bäume gewinnen sowie Handwerker und andere Ausbildungsstätten ermutigen, Projekte oder Abschluss- und Gesellenarbeiten hier durchzuführen. Möglich sind natürlich auch Umweltprojekte und Kontemplation, sprich spirituelles Betrachtung und Erleben der Ruhe.

Gartenspaziergang Neue Anne 2012 (6)

Hallo Dresden: Welche Akteure fehlen noch? Wer sollte noch mit an Bord sein?
Heike Richter: Wir sind ja noch ganz am Anfang. Dennoch hätten wir in Zukunft gern den einen oder anderen tatkräftigen Unternehmer, Handwerker und Sponsor aus dem Ortsteil dabei. Ganz wichtig ist auch die Einbeziehung der angrenzenden Schulen und Kindertagesstätten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass neben Führungen und einem Grünem Klassenzimmer auch Pflege- oder Bildungspatenschaften zum Thema Bäume, Gräber oder Kultur von den Schulklassen übernommen werden. Ein wenig salopp formuliert: Ich ganz persönlich würde mich freuen, wenn der Neue Annenfriedhof in ein paar Jahren im Herzen eines jeden Löbtauers als ganz besonderer und dennoch selbstverständlich dazugehörender Ort angekommen ist.

Hallo Dresden: Vielen Dank und viel Erfolg!
Heike Richter: Vielen Dank im Namen der Mitglieder des Vereins DenkMalFort! e.V. für die Möglichkeit, ein wenig öffentlich für den Neuen Annenfriedhof schwärmen und für seinen Erhalt werben zu dürfen.

Kontakt:
Denk Mal Fort! e.V. – Die Erinnerungswerkstatt Dresden
Initiative Neuer Annenfriedhof
c/o Holger Hase
Gohliser Straße 18
01159 Dresden
Telefon: 0163 8829954
E-Mail: richterheike.cemeteryculture@gmail.com
http://www.annenfriedhof-dresden.de

Alle Fotos: Heike Richter

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