Individuelle Handschrift

Kinder wollen draußen aktiv und kreativ sein. Neben Steinen, Blättern, Wasser und Erde ist Holz einer der beliebtesten Werkstoffe für die kleinen Weltentdecker. Irgendwann reicht es nicht mehr, die Stöcke nur zu sammeln und durchzuknacksen – die Kinder wollen daran rumschnitzen. Erlebnispädagoge und Holzbildhauer Jörgo Senns ist mit Kindern sowohl draußen unterwegs als auch in der eigenen Werkstatt aktiv. Er begleitet sie beim richtigen Umgang mit entsprechenden Werkzeugen und gibt ihnen Zeit und Raum, ihre Ideen in Holz umzusetzen.

Hallo Dresden: Du hast gar nicht so sehr viele Pflaster an der Hand…
Jörgo Senns: …na, ich übe ja auch schon eine Weile.

Hallo Dresden: Aber Hand aufs Herz: Schnitzen ist schon eine gefährliche Angelegenheit, oder?
Jörgo Senns: Das denken erstaunlicherweise viele. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sich jeder schon mal mit einem Messer geschnitten hat und dabei gemerkt hat, dass es ganz schön wehtut und auch ordentlich bluten kann. Aus solch unmittelbaren Erfahrungen bauen sich dann recht schnell regelrechte Angstvorstellungen auf, die sich über die Jahre weiter festigen. Deshalb versuche ich, schon sehr junge Menschen an die Schnitzerei heranzuführen.

Hallo Dresden: Um ihnen die Angst zu nehmen?
Jörgo Senns: Eher anders herum: Um sie im Umgang mit scharfen Werkzeugen vertraut zu machen. Eine Sache ist: Wenn meine Kursteilnehmer merken, wie leicht sie Holz mit scharfen Werkzeugen bearbeiten können, merken sie gleichzeitig, wie viel Kraft sie aufbringen müssen, um mit stumpfen Werkzeugen zu einem vergleichbaren Ergebnis zu kommen. Eine wichtige Erkenntnis dabei: Wenn ich das Werkzeug mit viel Kraft führen muss, kann ich mich nicht so sehr darauf konzentrieren, es ordentlich zu führen – und rutsche schneller ab.
Außerdem – und das ist mir das Wichtige bei der Arbeit mit Kindern – das Schnitzen oder generell der sorgsame Umgang mit Werkzeug ist etwas, das wachsen muss.

Hallo Dresden: Also leichte Schnitzprojekte am Anfang?
Jörgo Senns: Nicht gleich Projekte. Am Anfang lieben es Kinder, wenn sie die Rinde von Ästen abschälen dürfen, Zweige abschneiden und Spitzen an Stöcke schnitzen. Irgendwann werden die Spitzen dann zu Rundungen und die Rinde wird nicht mehr weggeschnitzt, sondern mit Mustern verziert.

17. Internationale Sommerakademie für bildende Kunst

Hallo Dresden: Das klingt nach Beschäftigungstherapie beim Waldspaziergang.
Jörgo Senns: Ja, nur möglichst nicht während des Laufens schnitzen – sondern im Sitzen mit genügend Abstand zum Nebenmann. Solche Spaziergänge sind dann wunderbare Gelegenheiten Material zu sammeln, welches dann während einer Pause oder daheim beschnitzt werden kann.

Hallo Dresden: Welches Messer ist dabei egal?
Jörgo Senns: Im Prinzip schon. Aber es gibt welche, die eignen sich besser und andere, die sehen zwar toll aus, aber sind für Schnitzereien eher weniger geeignet. Gerade Jungen – und deren Väter – empfinden oft Begeisterung für mächtige Messer, die nach Abenteuer und Überlebenskunst aussehen. In meinen Kursen nutze ich anfangs Klappmesser mit feststellbarer und an der Spitze gerundeter Klinge. Klein, handlich, günstig, weitestgehend sicher und gut scharf zu bekommen.

Hallo Dresden: Ich merke schon: Schärfe ist ein wichtiger Punkt.
Jörgo Senns: Neben dem Metall des Messers und den Eigenschaften des Holzes, ist das mit das Wichtigste für den angehenden Schnitzer. Für die Kinder schärfe ich die Messer immer. Den Älteren und den Erwachsenen zeige ich, wie es geht. Ein Handwerker sollte sein Werkzeug selber schärfen können. Wenn man den Aufwand dafür einmal kennt, wachsen auch der Respekt und die Achtsamkeit beim Gebrauch dieser Schneidwerkzeuge.

Hallo Dresden: Das merke ich bei der Arbeit in der heimischen Küche. Ein scharfes Messer ist viel wert.
Jörgo Senns: Das ist ein gutes Beispiel: Auch am Essenstisch zuhause kann besonders einfach mit der Schnitzerei begonnen werden.

Senns.Portrait_Foto_J. Senns

Jörgo Senns, Holzbildhauer und Naturpädagoge, bringt Kindern das Schnitzen bei.

Hallo Dresden: Beim Umgang mit Messer und Gabel?
Jörgo Senns: Nein, anders. Jeder hat ein Kartoffelschälmesser daheim und auch Kartoffeln und Möhren. Anstatt den Erdfrüchten nur die Pelle vom Leib zu holen, kann man mit dem Küchenmesser daraus kleine Figuren schnitzen. Klar, die runzeln dann zusammen. Aber es geht dabei auch eher um das Einüben der Messerhaltung, der Kräftigung der Handmuskulatur und das dreidimensionale Formen. Das sind Erfahrungen, die man für die Arbeit am Holz sehr gut nutzen kann.

Hallo Dresden: Und Figuren schnitzen können auch schon Kinder?
Jörgo Senns: Ja, sicher! Je nach Fertigkeit und »Reife« geht das schon mit drei, vier Jahren los. Dann wird meist noch entrindet und angespitzt. Aber ab dem Grundschulalter kommen die ersten Figuren zustande und mit zunehmendem Alter auch der Wunsch, eigene Ideen bildhauerisch umzusetzen.

Hallo Dresden: Und das geht dann mit Schnitzmessern.
Jörgo Senns: Ja, vieles geht damit. Die Messer werden aber zunehmend spezieller: Zum Beispiel mit feststehenden Klingen, die auch meist kürzer und spitzer sind als bei Taschenmessern. Und was dann auch hinzukommt, sind Bildhauereisen. Das sind die langen Metallklingen, die vorne ihre Schneide haben und hinten am Heft, dem hölzernen Griff, festgehalten und oft auch mit einem Holzhammer geschlagen werden.

Hallo Dresden: Was können die Kinder damit machen?
Jörgo Senns: Beim Holzhauen mit den Schnitzeisen können sie viel mehr Formen anlegen und sich auch schneller in das Material hineinarbeiten als mit dem Messer. In meinen Kursen können die Kinder eigene Ideen ganz in Ruhe umsetzen: Von der Idee im Kopf, zur Zeichnung auf dem Papier, über ein Modell, bis hin zum geschnitzten Objekt. So trägt jedes Kunstwerk am Ende die individuelle Handschrift des Kindes.

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Hallo Dresden: Welches Werkzeug wäre denn optimal? Womit sollte man anfangen?
Jörgo Senns: Wenn man wirklich mehr als nur auf dem Waldspaziergang oder am Küchentisch das Obst und Gemüse schnitzen möchte, sollte man zu mir in die Werkstatt kommen – im Rahmen eines Workshops oder der offenen Werkstatt. Ich kläre dann individuell mit jedem einzeln, was benötigt wird. Was nach Eigenwerbung klingen mag, ist ganz pragmatisch gemeint: Jeder von uns braucht ein anderes, zu ihm oder ihr passendes Werkzeug. Die Produkte von Herstellern guter Werkzeuge unterscheiden sich in Länge, Gewicht, Metallzusammensetzung und anderen Merkmalen. In meiner Werkstatt habe ich alle möglichen Werkzeuge, die jeder, der zu mir kommt, in die Hand nehmen und ausprobieren kann. Daraus und aus dem persönlichen Gespräch ergibt sich dann, welche Werkzeuge für jemanden am Anfang oder auch weiterführend sinnvoll wären.

Hallo Dresden: Und das Holz bekomme ich dann auch bei Dir?
Jörgo Senns: Stimmt schon, ich habe auch einen großen Vorrat an trockenen Hölzern. Aber wer anfängt zu schnitzen, findet schönes Holz beim schon erwähnten Waldspaziergang oder wenn irgendwo ein Baum gefällt oder entastet wird. Einfach die Augen offen halten und dann hingehen und fragen, ob was übrig ist. Ich arbeite sehr gern mit diesem sogenannten Grünholz. Das ist etwas anderes als mit Brettern oder quadratischen Blöcken. Auch den Kindern fällt es leicht, sich ein Wesen in knorrigen Ästen vorzustellen und diese dann herauszuarbeiten. Wenn das Holz noch frisch gefällt ist, geht das Schnitzen übrigens besonders leicht. Für Anfänger ist also sehr zu empfehlen, gleich nach dem Sammeln loszulegen.

Hallo Dresden: Das waren eine Menge Tipps, vielen Dank für das Gespräch!
Jörgo Senns: Sehr gerne und viel Spaß beim Ausprobieren.

Kontakt
Kraftraum Natur
Jörgo Senns
Reisstraße 45
01257 Dresden
Telefon: 0351 2756935
mobil: 0157 74747631
E-Mail: info@kraftraumnatur.de
http://www.kraftraumnatur.de

© Alle Bilder: J. Senns

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