„Der Flow bestimmt jegliches kreative Tun“

SPIKE Dresden ist seit rund 20 Jahren eine Institution in Dresden. Von Anbeginn an kümmert sich das Team um junge Menschen und deren Bedürfnis, ernst und wichtig genommen zu werden – vor allem um deren kreatives Potenzial. Ob Musik, Tanz oder URBAN ART – die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten sind unter den jungen Menschen vielfältig. Die Ideen und Meinungen, die dahinter stecken, kann nur verstehen, wer hinsieht und hinhört. Hier kommt Ellen Demnitz-Schmidt ins Spiel. Als Leiterin von SPIKE Dresden ist sie immer dicht am Puls der Zeit. Sie wirbt in Politik und im Gemeinwesen für die Belange kreativer junger Menschen – mit Erfolg.

Hallo Dresden: Mittlerweile beschäftigt sich der Stadtrat Dresden intensiv mit Graffitis im öffentlichen Raum. Wie war der Weg dahin?
Ellen Demnitz-Schmidt: Der Stadtrat hat sich mit der Thematik URBAN ART, also Graffiti und StreetArt, beschäftigt und beschlossen, diese zu fördern, besonders hinsichtlich der Bereitstellung von legalen Möglichkeiten. SPIKE Dresden hat sich bereits seit Mitte der 90er-Jahre auf die Fahne geschrieben, die Jugendkultur Graffiti in ihren positiven Wirkungen und in ihren legalen Ambitionen zu unterstützen.
Graffiti wurde – damals noch mehr als heute – als Schmiererei und kriminelles Tun verpönt. In dem wir viele Leute aus dieser Szene näher kennen lernten, wurde uns sehr schnell klar, dass man das nicht so einseitig betrachten darf, gleich gar nicht, wenn die Förderung der Jugend das Vereinsziel ist. Beim näheren Beschäftigen mit der Materie erlebten wir, dass Graffiti eine kreative Ausdrucksform junger Menschen ist, die mindestens genauso toll wie Anderes ist, was als Kunst gilt. Gleichzeitig kamen wir nicht umhin festzustellen, dass die Sprüher in ihrem Tun oft sehr unbedacht geltendes Recht für nicht sehr wichtig nehmen. Illegales Graffiti war damals wie heute natürlich verboten und brachte Konflikte mit dem Gesetzgeber, die für die Betroffenen oft erhebliche Einschnitte in ihr Leben bedeuteten, zum Beispiel hohe Geldstrafen, Zivilklagen etc.
Wir beschlossen, uns dafür einzusetzen, dass das »Phänomen Graffiti« in der Gesellschaft differenziert gesehen wird und nicht in der öffentlichen Wahrnehmung als generell zu verurteilendes Tun stehen bleibt. Um dies zu erreichen, suchten und fanden wir über die Jahre Möglichkeiten, Graffiti als Gestaltung im öffentlichen Raum zu präsentieren und gleichzeitig etablierten wir in Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt Legal Plains, Orte, wo jeder nach Lust und Laune sprühen kann. Wir betrachten den Stadtratsbeschluss auch als Ergebnis unseres jahrelangen beständigen Wirkens, unserer verbindlichen Zusammenarbeit mit der Szene und der Stadtverwaltung. Auch fachlich haben wir diesen Beschluss in der Formulierung begleitet und wir werden dies selbstverständlich umfassend auch in der Umsetzung tun.

Hallo Dresden: Warum ist es so schwierig, die Öffentlichkeit von sogenannter »Streetart«, also im weitesten Sinne Kunst im öffentlichen Raum, zu begeistern?
Ellen Demnitz-Schmidt: Wir fassen das, was Du meinst, in dem Begriff URBAN ART zusammen, das ist also zum einen Graffiti (als in den 90er-Jahren in New York, USA entstandene Ursprungsform) und zum anderen auch Street Art. Wir erleben nicht, dass es schwierig ist, die Öffentlichkeit zu begeistern von dieser Kunst im öffentlichen Raum. Die legalen Gestaltungen von Flächen im Dresdner Stadtraum mit Graffiti werden von Einheimischen und Touristen überwiegend als Verschönerung und Aufwertung gewürdigt. Die Feedbacks sind überwiegend positiv, reichen von Akzeptanz bis Bewunderung und Begeisterung.
Wir sind aber auch seit Jahren mit unserer Ambition unterwegs, die Belange dieser kulturellen Ausdrucksform mit den Belangen der Einwohner zusammenzubringen, auch generationenübergreifend. Das bedeutet, dass wir versuchen, alle in diesem Spektrum liegenden Bedürfnisse wahrzunehmen und abzugleichen. Frei nach dem Motto: Wir schauen, was geht und wenn etwas schwierig ist, finden wir gemeinsam eine Lösung, wie es gehen könnte. Und meist geht mit dieser Haltung ganz viel.

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Die Leiterin des Jugendhauses SPIKE in Leubnitz-Neuostra, Ellen Demnitz-Schmidt, setzt sich für die Belange kreativer junger Menschen ein

Hallo Dresden: In Dresden gibt es Wände, Parkuhren, Stromkästen und vieles andere mehr, das mittels Sprühtechniken bunt verziert ist. Oft sind es großflächige Motive. Was ist so faszinierend daran, diese Flächen zu gestalten?
Ellen Demnitz-Schmidt: Sich auszudrücken. Etwas zu hinterlassen. Mitzugestalten. Etwas Großartiges zu schaffen. Gesehen und beachtet zu werden mit dieser Ausdrucksform. Nicht zuletzt bestimmt auch der Flow jegliches kreative Tun…

Hallo Dresden: Und wie ist die Reaktion von Anwohnern, wenn sich jemand aus dem SPIKE-Team an die Neugestaltung macht?
Ellen Demnitz-Schmidt: Die direkten Begegnungen sind sehr positiv. Die Sprüher werden freundlich angesprochen, neugierig befragt. Nicht selten gab es auch schon Kaffee und Kuchen aus umliegenden Häusern.

Hallo Dresden: Werden die aufwendig gestalteten Wandbilder mit Schriftzügen oft übermalt? Ist das ein normales Vorgehen »in der Szene«?
Ellen Demnitz-Schmidt: Bei wirklichen Gestaltungen im öffentlichen Raum ist das nicht üblich und auch nicht »oft«, weil diese aufwendigen Arbeiten akzeptiert und auch möglichst viele Leute einbezogen werden. Wenn auf den Legal Plains gemalt wird, ist das tatsächlich so. Genauso so ist es gedacht, als Möglichkeit, immer wieder zu malen. All das, was temporär entsteht, wird fotografiert, in aller Regel vom Sprüher selbst. Auch wir sind in diese Richtung aktiv, auf graffiti-dresden.de archivieren und präsentieren wir legale Urban Art in Dresden.

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Graffiti auf dem Gelände des Jugendhauses und Kulturzentrums SPIKE

Hallo Dresden: Ist die Vergänglichkeit der Kunst Teil der Kunstform selbst? Ich denke hier an beliebte Sprühorte wie Bauzäune und Abrissgebäude, die ja ganz offensichtlich nicht mehr lange stehen.
Ellen Demnitz-Schmidt: Ich glaube nicht, dass viele Leute über Vergänglichkeit als Teil der Kunstform nachdenken. Graffiti und Street Art sind von den Protagonisten nicht für die Ewigkeit angelegt und so wird oft der Untergrund genommen, der zur Verfügung steht oder zur Verfügung zu stehen scheint. Wie gesagt, wenn es um bleibende Gestaltungen geht, ist das etwas Anderes.

Hallo Dresden: Warum brauchen die Jugendlichen Künstlerinnen und Künstler eine Einrichtung wie das SPIKE?
Ellen Demnitz-Schmidt: Um Dinge auf den Weg zu bringen. Um sich zu vernetzen. Um voneinander zu lernen. Um inspiriert zu werden. Um Ideen auszuprobieren, um gemeinschaftlich Projekte zu entwickeln und umzusetzen.

Hallo Dresden: Die »Sprüher« sind nicht die einzigen, die das SPIKE nutzen: Auch Musiker und Tänzer sind aktiv dabei. Geht das eine nicht ohne das andere?
Ellen Demnitz-Schmidt: Die Hip Hop-Kultur hat vier Elemente, da liegt es auf der Hand, dass Synergien genutzt werden oder auch neu entstehen, dass man voneinander weiß und schaut, ob man was miteinander machen kann oder will. Die einzelnen Angebote laufen unabhängig voneinander, vernetzen sich an den Punkten, wo es Sinn macht. Keine Ahnung, ob das eine nicht ohne das andere gehen würde, über solche Fragestelllungen denke ich gar nicht nach. Um SPIKE als Ressource zu nutzen, muss man im Übrigen auch nicht Hip Hop-affin sein.

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Legal Plains, wie hier in Dresden-Strehlen, sind Flächen, auf denen jeder nach Lust und Laune Graffiti sprühen kann

Hallo Dresden: Wen würde das SPIKE-Team gerne öfter im Haus begrüßen?
Ellen Demnitz-Schmidt: Grundsätzlich: Es sind uns alle Menschen willkommen, die Ideen haben, welche sie umsetzen wollen oder die sich auf die eine oder andere Art einbringen wollen. Oder die Unterstützung brauchen. Alle, die die Ressource SPIKE nutzen wollen und damit Teil dieser Ressource sind. An der Stelle sei darauf hingewiesen, dass die SPIKE-Räume und das Gelände so eine Art »Base« sind. Wir arbeiten stadtweit und sind bei zahlreichen Angeboten unterwegs in ganz Dresden.

Hallo Dresden: Was hat das SPIKE für 2015 geplant?
Ellen Demnitz-Schmidt: Das Jahr 2015 ist für uns ein ganz besonderes Jahr, denn wir feiern 20-jähriges Jubiläum. Das heißt für uns, dass wir das gesamte Jahr unter dieses Motto stellen und es in unseren Veranstaltungen und Angeboten deutlich werden lassen. Mit anderen Worten, es wird eine Menge Höhepunkte geben und es lohnt sich, regelmäßig auf unsere Homepage zu schauen und am besten dort den Newsletter zu abonnieren.

Kontakt
SPIKE Dresden/
Altstrehlen 1 e. V.
Karl-Laux-Straße 5
01219 Dresden
Telefon: 0351 2818084
E-Mail: kontakt@spikedresden.de
http://www.spikedresden.de
facebook.com/SPIKEdresden
twitter.com/spike_dresden

© Alle Bilder: SPIKE Dresden

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