Geschnitzte Tradition

Bei Sachsens lange zurückreichender Historie lohnt immer auch ein Blick in die gute Stube der einfachen Leute. Vieles von dem, was die Menschen in ihrem Heim bis zum Ende des 19. Jahrhunderts umgab, war mit der Kraft der eigenen Hände und Geschicklichkeit hergestellt. Das Museum für Sächsische Volkskunst mit Puppentheatersammlung im Jägerhof gewährt einen vielfältigen Einblick in Räumlichkeiten von damals. Darunter finden sich vielerlei Holzgegenstände – von den Menschen nach ihrem Geschmack und ihren Möglichkeiten in Form gebracht. Museumsdirektor Dr. Igor Jenzen hat die Arbeit mit Holz für sich entdeckt und setzt sich für den Erhalt des Schnitzens als kulturelle Fähigkeit ein.

Hallo Dresden: Wie kam es zu der Idee, hier im Museum die Späne fliegen zu lassen?
Igor Jenzen: Die Idee stammt nicht von mir. Sie ist schon so alt wie das Museum selbst und gehört zum Konzept des »lebendigen Museums«. Oskar Seyffert, der Erfinder und Gründer, verstand darunter ein Museum (gegründet 1913), in dem man nicht nur Kultur konsumiert, sondern sich zum Mit- und Nachmachen verführen lässt. In dieser Tradition stehen unsere Kursangebote zum Nähen, Spinnen, Klöppeln, Puppentheaterspielen und eben auch Schnitzen.

Hallo Dresden: Und als Museumsleiter kommt man zum Schnitzen durch…
Igor Jenzen: …Neugier! Ich wollte einfach mal probieren, wie das geht.

Hallo Dresden: Schnitzen ist eine unglaublich alte Handwerkskunst – kann deshalb auch jeder schnitzen?
Igor Jenzen: Jeder kann es versuchen. Das erste Lehrstück im Kurs ist ein Tannenbaum. Den hat noch jeder geschafft und stolz nach Hause getragen. Alles Weitere hängt von drei Faktoren ab: Talent, Fleiß und Spaß an der Sache. Aus dieser Mischung entstehen mit der Zeit entweder Kunst, selbstgemachte Wegbegleiter oder doch wenigstens wertvolles Material für den Komposthaufen der Erfahrung. Und das ist ja auch etwas.

Hallo Dresden: Und die Teilnehmer am Schnitzkurs im Jägerhof: Warum kommen die zum Schnitzen?
Igor Jenzen: Das ist sicher sehr unterschiedlich. Der Jüngste ist noch keine zehn Jahre alt, die Älteste geht auf die Achtzig zu. Aber ich nehme doch an, alle genießen das regelmäßige Zusammensitzen in der netten Runde und das allmähliche Anwachsen des eigenen Könnens. Der Kursleiter versteht sich glücklicherweise nicht als Oberlehrer, sondern eher als Berater und Begleiter. Er beschränkt sich auf die Vermittlung der handwerklich-technischen Seite und lässt jeden seinen eigenen Stil finden. Das ist sehr angenehm. So kann man die Schnitzrunde als wöchentliche Auszeit ohne Leistungsstress, aber mit meditativer Konzentration genießen. So jedenfalls geht es mir.

Hallo Dresden: Im Volkskunstmuseum gibt es sehr viele geschnitzte Spielsachen, Alltagsgegenstände und Schmuck zu sehen. Wer hat all das angefertigt?
Igor Jenzen: Wir sammeln und zeigen zwei grundsätzlich unterschiedliche Kunstgattungen; einerseits die Produkte professioneller Spielzeugmacher aus dem Erzgebirge – darunter fallen neben dem Spielzeug auch Nussknacker, Leuchterfiguren und Lichterpyramiden – und andererseits die Werke begnadeter Autodidakten, Selbermacher, Hobbykünstler und wie man diese kreativen Menschen sonst noch nennen könnte. Diese Werke sind kurios, unkonventionell, humorvoll oder von manischer Besessenheit; jedenfalls unbedingt sehenswert.

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Konzentriertes Werken im Jägerhof und fachkundige Anleitung durch Kursleiter Jens Lukas (vorn im Bild). Foto: © I. Jenzen

Hallo Dresden: Wie lässt sich der reiche Schatz an Schnitzereien erklären? Wie kommt es, dass Sachsen eine solche Schnitzhochburg ist?
Igor Jenzen: Im Erzgebirge hat sich sehr früh neben der Glasindustrie und dem Bergbau eine holzverarbeitende Heimindustrie für einfaches Spielzeug entwickelt. Diese eher ärmliche Produktion hat um 1800 mit der Verbreitung der Familienweihnacht als Geschenkefest einen ersten Schub erlebt und um 1900 einen zweiten, als Oskar Seyffert diese Produktion mit der Bezeichnung »Volkskunst« sozusagen geadelt hat. Seitdem sind die Schnitzvereine wie Pilze aus dem Boden geschossen und das Schnitzen wurde regelrecht Mode.

Hallo Dresden: Ist Holzschnitzen heute noch zeitgemäß?
Igor Jenzen: Was ist schon zeitgemäß? Unser Museums-Motto heißt »Selber leben!« In diesem Sinn ist jede Art des eigenverantwortlichen Selbermachens gut. Und wenn man versucht, nicht an der Tradition festzukleben, sondern sich traut eigene Wege zu gehen, dann wird man immer »zeitgemäße« Ergebnisse produzieren.

Hallo Dresden: Warum ist es wichtig, all die Schnitzereien – und auch die vielen anderen Gegenstände im Museum – auszustellen?
Igor Jenzen: Weil sie vom echten Leben erzählen. Alle unsere Exponate sind Hinterlassenschaften von Menschen, die in bestimmten Situationen gehandelt haben. Sie haben mit ihren Produkten den Lebensunterhalt verdient oder anderen Menschen ihre Wertschätzung gezeigt, Achtung geerntet oder ganz allein für sich selbst die Lösung eines Problems oder einen Ausdruck für ihr Lebensgefühl gefunden. Das ist es, was wir Leben nennen. Es ist sozusagen das Gegenkonzept zum Konsumieren. Und das wiederum ist heute wichtiger denn je.

Hallo Dresden: Ist die Ausstellung vollständig oder gibt es noch etwas, das bisher noch nicht den Weg hierher gefunden hat?
Igor Jenzen: Die Sammlung wird niemals vollständig sein, denn weder Kunst noch Volkskunst hört auf, immer neue Wege zu entwickeln.

Hallo Dresden: Bei all der Vielfalt – gibt es trotzdem ein persönliches Lieblingsausstellungsstück? Und warum?
Igor Jenzen: Viele! Im Bereich des Schnitzens ist es eine unglaublich luftig geschnitzte Gruppe von auffliegenden Flamingos. Erhard Kuntze hat sie an der Schwerkraft vorbei geschnitzt, so leicht und zart, wie man es nicht für möglich halten sollte.

Erhard Kunze, Meißen
Die Flamingos von Erhard Kuntze sind eines von vielen beeindruckenden Ausstellungsstücken im Museum für Sächsische Volkskunst mit Puppentheatersammlung. Foto: © SKD Museum

Hallo Dresden: Und das aktuelle Schnitzprojekt…?
Igor Jenzen: …ist ein Merkur nach dem Vorbild von Gianbologna, diesmal aber im flatternden Regenmantel und mit Aktenkoffer. Ich hoffe, er wird wenigstens halb so gut, wie ich ihn mir vorstelle.

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Schnitzkurs:
Mittwochs, 16.00 bis 18.00 Uhr
Ort: Museum für Sächsische Volkskunst
Treff: Kasse
Kosten: 30 Euro/Monat inkl. Material
Informationen und Anmeldung im Sekretariat unter Telefon 0351 – 4914 4502

Kontakt:
Museum für Sächsische Volkskunst mit Puppentheatersammlung
Jägerhof
Köpckestraße 1
01097 Dresden
Tel.: 0351 49144502
E-Mail: elke.birninger@skd.museum
http://www.skd.museum

© Vorschaubild: I. Jenzen

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